Das schwedische Modell: Ein Vorbild für Deutschlands Kitas?

In Deutschland ringen Familien täglich mit dem Problem der Kinderbetreuung. Ein Mangel an Kita-Plätzen, undurchsichtige Vergabeverfahren und regionale Unterschiede prägen das Bild. Schweden hingegen, mit seiner fortschrittlichen Gleichstellungspolitik, bietet wertvolle Lektionen, von denen sowohl Familien als auch Arbeitgeber profitieren können.  

Laut einer Analyse der Friedrich Ebert Stiftung aus dem Jahr 2016, liegt der Grad der Erwerbstätigkeit bei Müttern mit Kindern im Alter von 0-6 Jahren in Schweden bei 76,6 Prozent. In Deutschland liegt die Erwerbstätigkeitsquote bei Frauen mit kleinen Kindern (0-2 Jahre) bei 31,5 Prozent. 1

In den deutschen Kitas herrscht eine tiefe Krise. Laut einer Studie der Bertelsmannstiftung 2 fehlen allein in Westdeutschland fast 386.000 Betreuungsplätze. Die Situation in Ostdeutschland ist zwar weniger dramatisch (hier fehlen 44.700 Plätze, Stand 2023), doch bleibt das Problem bestehen: Es gibt nicht genug Plätze für alle Kinder. In Landshut zum Beispiel fehlen (Stand 2022) etwa 500 Krippen und Kindergartenplätze.3 Auch wenn gesetzlich ein Recht auf einen Betreuungsplatz besteht, erhalten viele Eltern statt einer Betreuungsmöglichkeit lediglich einen finanziellen Ausgleich (nachdem Sie das Recht auf einen Kitaplatz eingeklagt haben). Hinzu kommt, dass die Platzvergabe oft intransparent und von Kommune zu Kommune unterschiedlich ist. Dies erschwert es Eltern erheblich, verlässliche Betreuung für ihre Kinder zu finden. Bildung ist in Deutschland Ländersache – die Kulturhoheit der Länder. In den Bereichen Schul-, Hochschul- und Erziehungswesen sind die Bundesländer selbst für die Gesetzgebung zuständig (Art. 30 GG). 

In Schweden hingegen ist die Betreuungssituation eine gänzlich andere. Jedes Kind hat ab dem ersten Lebensjahr Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Kann kein Platz bereitgestellt werden, ist die Kommune verpflichtet, innerhalb von vier Monaten eine Lösung zu finden. Diese Verpflichtung, kombiniert mit flexiblen Öffnungszeiten (von 6-18 Uhr, ggf. auch Nachtbetreuung bei Eltern in Schichtarbeit) und der Einbindung beider Elternteile in die Kinderbetreuung, bildet das Rückgrat der schwedischen Gleichstellungspolitik. 4

Nicht nur Familien, sondern auch Arbeitgeber profitieren von diesem System. Die verlässliche Kinderbetreuung ermöglicht es Eltern, sich voll und ganz auf ihre beruflichen Verpflichtungen zu konzentrieren. Für Unternehmen bedeutet dies weniger Ausfallzeiten und eine höhere Mitarbeiterbindung. Zudem fördert es die Gleichstellung am Arbeitsplatz, da sowohl Mütter als auch Väter in der Lage sind, ihre berufliche Karriere und Familienleben besser zu vereinbaren.

Ein zentraler Punkt in der Debatte um bessere Kinderbetreuung in Deutschland ist der Mangel an Fachkräften. Laut einem Artikel der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2023 werden bis 2030 schätzungsweise 230.000 Erzieher:innen fehlen. 5 Um diesem Mangel entgegenzuwirken, muss der Beruf des Erziehers attraktiver gestaltet werden. 

Eine angemessene Bezahlung, die der wichtigen sozialen Aufgabe gerecht wird, steht dabei an vorderster Stelle. Zusätzlich könnten Weiterbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten angeboten werden, um den Beruf vielseitiger und karrierefördernder zu gestalten. Ebenso wichtig ist es, das Berufsbild in der Öffentlichkeit aufzuwerten und die gesellschaftliche Anerkennung zu steigern. 

Das schwedische Modell zeigt eindrucksvoll, wie eine durchdachte Kita- und Gleichstellungspolitik positive Auswirkungen auf Familien, Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben kann, und dass die Kinderbetreuung nicht nur ein Grundrecht, sondern auch ein Grundpfeiler einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft wird.

Quellen

  1. https://library.fes.de/pdf-files/id/ipa/12367.pdf ↩︎
  2. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/kitaplaetze-studie-100.html ↩︎
  3. https://www.idowa.de/regionen/landshut/landshut/kitas-und-kindergaerten-es-fehlen-500-plaetze-947001.html  ↩︎
  4. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kita-international-vergleich-1.5799379 ↩︎
  5. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kita-international-vergleich-1.5799379 ↩︎
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