Dass der Journalismus in Deutschland relativ wenig von Kommunikationswissenschaften versteht weiß man spätestens, seitdem „Hart aber fair“ öffentlich zugab, mit dem Begriff des „Framings“ wenig anfangen zu können. Zuletzt erregte ein Meinungsbeitrag von Mariam Lau in der Zeit die Gemüter. Unter dem Titel „Oder soll man es lassen? – Private Helfer retten Flüchtlinge und Migranten im Mittelmeer aus Seenot. Ist das legitim? Ein Pro und Contra“ verfasste Lau den Contra-Beitrag, in dem sie sich gegen private Rettung von Geflüchteten im Mittelmeer positioniert. Die Empörung war groß, Lau wurde von vielen Seiten vorgeworfen dazu aufzurufen Menschen ertrinken zu lassen und damit faktisch zum Mord an Geflüchteten aufzurufen. Insbesondere ihr Vorwurf gegenüber den Retter*innen: „Ihr Verständnis von Menschenrechten ist absolut kompromisslos“ wurde von vielen so aufgefasst, dass die Autorin manchen Menschen weniger Menschenrechte zuspricht als anderen.

Eine besonders deutliche Reaktion auf diesen Kommentar kam vom Chefredakteur der Satirezeitschrift „Titanic“, Tim Wolff. Dieser fragte auf seinem privaten Twitteraccount: „Zeit-Mitarbeiter auf offener Straße erschießen?“ und ließ die Twitteruser*innen zwischen den Alternativen „Pro“ und „Contra“ wählen. Auch hierauf fielen die Reaktionen heftig aus. Vom Aufruf zum Mord war von vielen Seiten, insbesondere von anderen Medienschaffenden zu lesen.

Beiden wird also Aufruf zum Mord vorgeworfen und die Debatte wird, wie so oft, völlig nuancenlos geführt. Ich will im Folgenden anhand eines der einfachsten kommunikationswissenschaftlichen Modelle, der Lasswell-Formel, versuchen die Nuancen in die Debatte zurückzubringen und zu klären ob und wer hier zum Mord aufgerufen hat.

„Who says what in which channel to whom with what effect?“

Der US-Kommunikationswissenschaftler Harold Dwight Lasswell formulierte 1948 diese Formel, übersetzt „Wer sagt was in welchem Kanal zum wem mit welchem Effekt“, die grundlegend die Massenkommunikation beschreiben soll.

Who

Das „Wer“ in der Formel ist die „Kommunikatorforschung“, um wen handelt es sich also, die hier kommunizieren? Zum einen wäre das Mariam Lau, Hauptstadtjournalistin der Zeit, zum anderen Satiriker und Titanic-Chef Tim Wolff. Hier erkennt man schon einen entscheidenden Unterschied zwischen beiden. Laus Name wird verknüpft mit seriösem Politjournalismus, von ihr wird differenzierte Meinung und Berichterstattung erwartet. Tim Wolff dagegen arbeitet seit 2010 für die Titanic und ist seit 2013 der Chefredakteur der bekanntesten Satire-Zeitschrift des Landes. Von ihm wird Satire erwartet.

Diese Erwartungshaltung ist entscheidend. Viel zu oft versuchen etwa AfD-Politiker*innen im Nachhinein ihre menschenverachtenden Aussagen als Satire zu deklarieren. Das funktioniert so aber nicht, es handelt sich bei diesen Leuten um professionelle Politiker*innen, bei denen man bei öffentlichen Statements, gerade wenn diese in offizieller Aufmachung schriftlich erscheinen, erst mal davon ausgehen muss, dass sie ernst gemeint sind. Das heißt nicht, dass Politiker*innen oder politische Journalist*innen per se keine Witze machen dürfen, gerade der mal mehr mal weniger amüsante Zwischenruf im Plenum oder eine witzige Glosse haben ja Tradition, es heißt aber, dass hier mit einem anderen Maßstab gemessen werden muss, als bei Menschen, die von berufswegen her unseriös sein müssen.

Doch auch Satiriker*innen genießen keine Narrenfreiheit. Ansonsten bräuchten wir den ganzen Rest der Lasswell-Formel auch gar nicht. Alle ihre Teile sind hier entscheidend für die endgültige Einordnung.

What

Mariam Laus Kommentar hat ein großes Problem: Was die Leser*innen mitnehmen und was die Autorin sagen wollte divergiert teils sehr stark. Zusammengefasst möchte Lau, dass alle Bootsflüchtlinge von staatlicher Seite aus dem Mittelmeer gerettet und nach Afrika zurückgebracht werden, weswegen sie private Rettung ablehnt, die sie auch als Grund sieht, warum so viele Menschen überhaupt die Gefahr einer Überfahrt auf sich nehmen. Ohne die Position hier kommentieren zu wollen, lässt sich allerdings feststellen, dass Laus Kommentar die allermeiste Zeit einzig die privaten Retter*innen kritisiert und die Moralität von privater Seerettung nicht nur infrage stellt, sondern sie zu etwas Unmoralischem erklärt, da sie angeblich dem Geschäft der Schlepper*innen in die Hände spielt. Der Staat oder die EU, die nach ihrer Vision die Rettung und Rückführung bewerkstelligen sollten werden dagegen praktisch gar nicht ob ihrer unterlassenen Hilfeleistung kritisiert. Sie unterstellt den Retter*innen zynischer Weise ein kompromissloses Verständnis von Menschenrechten zu haben, was den berechtigten Einwand aufwirft, dass ein kompromissbereites Verständnis von Menschenrechten Menschenrechte praktisch zu einer Verhandlungsmasse macht, wodurch man berechtigter Weise fragen kann, ob Frau Lau überhaupt von unveräußerlichen Menschenrechten ausgeht. Das alles, lässt es so wirken, als ginge die Diskussion darüber, ob man Menschen ertrinken lassen sollte, was Frau Lau natürlich nicht will, ihr Kommentar erzeugt aber einen solchen Eindruck.

Tim Wolffs Frage ist klar als Reaktion auf Laus Kommentar zu sehen. Er nimmt sich den Hauptkritikpunkt an dem Kommentar heraus, nämlich, dass man bei Menschenrechten nun offenbar kompromissbereit sein soll und hält der Autorin dieser These den Spiegel vor, indem er fragt ob man bei den Menschenrechten derer, die so etwas veröffentlichen nicht auch Abstriche machen sollte. Nach guter satirischer Tradition legt er sich mit einer der bedeutendsten deutschen Zeitungen an, tritt also ausschließlich nach oben. Die klassisch satirische Überspitzung ist, dass er den Kommentar als einen solchen Zivilisationsbruch begreift, dass damit auch das Erschießen von Journalist*innen auf offener Straße heutzutage prinzipiell eine Diskussion über das jeweilige Pro und Contra verdient. Nur weil etwas, als Frage formuliert wird und nicht als Aussage, heißt natürlich nicht, dass es sich nicht um menschenverachtenden Inhalt handeln könnte. So haben rhetorische Fragen häufig den gleichen Aussagegehalt, wie ein einfacher Aussagesatz, da die Antwort auf die Frage von vornherein klar ist. Wolff hat aber zwei Antwortmöglichkeiten gegeben, er will damit die Absurdität abbilden, die die bloße Diskussion darüber, ob man Menschen vorm Ertrinken retten sollte, mit sich bringt. Es sei nochmal darauf verwiesen, dass keine der beiden Seiten im Zeit-Beitrag Menschen ertrinken lassen will, aber Struktur und Aufmachung des Beitrags von Lau vermitteln nunmal einen solchen Eindruck.

Nun lässt sich natürlich streiten, ob die Heftigkeit der Reaktion wirklich gerechtfertigt ist und es ist verständlich, wenn so eine Frage von vielen als geschmacklos bezeichnet wird, gerade vor dem Hintergrund, dass in jüngster Vergangenheit Journalist*innen häufig wegen ihrer Arbeit ermordet wurden. Die oberste deutsche Autorität in Sachen Satire, Kurt Tucholsky, wäre aber wohl auf Wolffs Seite. Er schrieb einmal in seinem berühmten Text „Was darf Satire?“: „Übertreibt die Satire? Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“

Which Channel

Die Seite Drei einer Zeitung ist der große Meinungsteil und wird von den allermeisten Leser*innen einer Zeitung gelesen. Von einem Kommentar erwartet man sich eine differenzierte Privatmeinung gebildeter Journalist*innen. Hinzu kommt, dass die Zeit eine der reputationsträchtigsten Zeitungen des Landes ist, die politisch in der liberalen Mitte, links von etwa FAZ und Welt gesehen wird, was einen großen Teil der Aufregung um den Kommentar erklärt. In Medien, welche sich in der Vergangenheit schon bei der Frage der Aufnahme von Geflüchteten ähnlich positioniert haben, ruft ein solche Beitrag keine solch extremen Reaktionen hervor. Nun wird aber scheinbar auch noch in der Zeit die Unveräußerlichkeit der Menschenrechte in Frage gestellt, was als weiterer gesellschaftlicher Rechtsruck wahrgenommen und entsprechend kommentiert wird.

Nichts schreit so sehr „Ernsthaftigkeit und Seriösität“ wie der private Twitteraccount eines bekannten Satirikers (Achtung Ironie). Nichts entkräftet den Vorwurf des Mordaufrufes so sehr, wie die Analyse des von Wolff benutzten Mediums. Bei einer Frage auf Twitter können alle angemeldeten Twitter-Accounts über eine festgelegte Zeit abstimmen und danach die prozentuale Verteilung der bisher abgegebenen Stimmen sehen. Das Endergebnis nach 9.205 abgegebenen Stimmen ist 46% pro und 54% contra Zeitmitarbeiter auf offener Straße erschießen. Wer die Absurdität an diesem Punkt nicht sieht und immer noch von einem tatsächlichen Mordaufruf redet, verharmlost richtige Mordaufrufe und macht sich über Menschen lustig, die tatsächlich Morddrohungen erhalten. Denken diese Leute allen Ernstes, wäre das Ergebnis umgekehrt ausgefallen, hätte der Chefredakteur einer Satirezeitschrift einfach so Menschen auf offener Straße erschossen?

To whom

Die Zeit hat laut Wikipedia eine Auflage von knapp 495.000 Exemplaren. Da sich Menschen gerne in ihrer Meinung bestätigt sehen, ist wohl davon auszugehen, dass die meisten Leser*innen politisch etwa so ticken, wie die Zeitung, sind also im liberalen Bildungsbürgertum zu vermuten. Diese Leute, die die Zeit bisher als Alliierte in ihrer Abscheu für den immer rechter werdenden gesellschaftlichen Diskurs gesehen haben, sind umso entsetzter, wenn ein Kommentar erscheint, den sie so lesen, als würde die Zeitredaktion nun auch langsam ins rechte Fahrwasser geraten. Entsprechend schnell haben viele Leute im Internet angekündigt ihr Zeitabo zu beenden und auf Angebote der Konkurrenz, etwa die SZ, umzusteigen.

Tim Wolff hat zum Zeitpunkt an dem dieser Beitrag verfasst wird knapp 8.700 Follower*innen auf Twitter. Es zeigt sich also relativ schnell der Unterschied in der Größenordnung. Diese Leute folgen ihm, weil sie Satire lesen wollen und alles was Wolff schreibt, wird von denen, die ihm folgen erst mal so gelesen: Als Satire. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass unter den Leuten, welche diese Frage letztendlich im Netz sahen, den satirischen Gehalt nicht verstehen. Die meisten von diesen fantasieren dann einen ernstgemeinten Mordaufruf herbei und empören sich ebenfalls im Internet. Um noch einmal Tucholsky zu zitieren: „Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.“

With what effect

Ich denke, ich habe in den letzten Abschnitten relativ verständlich darlegen können, warum es sich bei Wolffs Tweet um eine bissige Satire handelt, die von manchen vielleicht als geschmacklos wahrgenommen werden kann. Was aber ganz bestimmt nicht der Effekt des Tweets sein wird, ist, dass jemand davon aufgestachelt wird jemanden zu erschießen, dafür ist der Kontext einfach überhaupt nicht gegeben. Stattdessen entlarven sich Leute, die von Satire nichts verstehen, beziehungsweise opportunistisch die Pressefreiheit so lange verteidigen bis jemand etwas schreibt, das ihnen nicht passt. Akteur*innen der Bild-Zeitung etwa versuchen, spätestens seitdem ihr schlampiges journalistisches Handwerk von der Titanic zweimal innerhalb weniger Monate enttarnt wurde, der Zeitschrift ihren satirischen Charakter abzusprechen und sie in alle möglichen Ecken zu rücken.

Für die Zeit und Miriam Lau fällt die Effektanalyse nicht ganz so glimpflich aus. Denn ob sie es nun wollte oder nicht, ihr Beitrag hat Argumente, welche die private Seenotrettung dämonisieren, in ein liberales Milieu verschoben. Ein direkter Aufruf zum Mord ist der Beitrag aber auch nicht: Die Forderung, wenn auch versteckt, ist Seenotrettung zur staatlichen Aufgabe zu machen und mitnichten Menschen ertrinken zu lassen. Der als akzeptabel angesehene Diskurs wurde allerdings wieder ein kleines Stück nach rechts verschoben und die Leser*innenschaft der Zeit wird polarisiert. Manche auf der linken Seite werden ihr Zeitabo kündigen und vielleicht kriegt sie ein paar Abos auf der rechten Seite dazu. Die Reputation der Zeitung und der Journalistin, die sie links der Mitte genießen haben starken Schaden genommen und eine Debatte darüber, ob Menschenrechte wirklich universell sein sollen wurde eröffnet. Das mögen sowohl Zeitung als auch Autorin nicht gewollt haben, es wurde aber fahrlässig in Kauf genommen.

An manchen Tagen wäre ich gern US-Amerikaner. Nicht, weil ich dann jede Woche Bier aus Pappbechern bei einem Footballspiel trinken würde oder mir beim Walmart meines Vertrauens für 20$ eine halbautomatische Waffe kaufen könnte[1], sondern wegen des ersten Verfassungszusatzes. Dieser verbietet u.a. dem Kongress Gesetze zu erlassen, die die Meinungsfreiheit einschränken. Die ganze leidige Debatte nach dem Verbot der „linksextremen“ Website „linksunten.indymedia“ hätte man sich dort vermutlich komplett gespart. Die Website wäre nämlich nie verboten worden, Free speech eben.

Im „Land der Dichter und Denker“ ist die Mentalität aber eine andere, in der BRD hat man die besagte Seite, verbunden großem Medienwirbel, für verboten erklärt. Nach dem großen Aufschrei wegen der gewalttätigen Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels, sah sich die etablierte Politik verpflichtet, einen symbolischen Schlag gegen die angeblich so gefährliche linke Szene vorzunehmen. Es brauchte nur ein paar maulende CDU/CSU-Politiker*innen und Sympathisant*innen, welche täglich Statements der Sorte „gegen Nazis macht ihr ständig was aber radikale Linke sind euch komplett egal“ vom Stapel ließen und schon war man zu diesem Schritt bereit. Woraus resultiert aber dieses schräge Bedürfnis der deutschen Politik „links“ und „rechts“ stets gleichsetzen zu wollen und radikale Linke Ansätze für so bedrohlich für die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu halten? Meiner Meinung nach hat das Ganze sehr viel mit der Geschichte unseres Landes zu tun.

In der BRD und ihren Vorläuferstaaten hat die staatliche Mobilisierung gegen linke Gruppierungen eine lange und unrühmliche Tradition. Beginnend mit dem Deutschen Kaiserreich, das durch die Sozialistengesetzte die Sozialdemokratie verbieten ließ und der SPD mit Polizeiknüppel und Zensur zu Leibe rückte sowie Sozialdemokrat*innen als vaterlandslose Gesellen brandmarkte. Danach waren in der Weimarer Republik weite Teile der bürgerlichen Schichten von permanenter Angst vor Bolschewismus und roter Gefahr erfüllt. So angsterfüllt waren sie, dass sie einen erfolglosen Kunstmaler aus Österreich zu ihrem Führer bestimmten, der den Kampf gegen alles Linke zur Staatsräson erklärte und in der Folge ein Blutbad anrichtete. Schließlich konnte man sich in der BRD nach der totalen Niederlage im Zweiten Weltkrieg wenigstens dazu durchringen, neben Marxismus und Sozialismus auch Nationalismus und völkisches Gedankengut zu verdammen. Aber auch in der Zeit des Kalten Krieges, in einem demokratischen Deutschland ließen Konservative und Liberale keine Gelegenheit aus, die Teilung Deutschlands und die Existenz der realsozialistischen Staaten in Osteuropa auszunutzen, um die politische Linke zu verteufeln und sie mit den leninistischen Zwangsregimen gleichzusetzen. Verbot der KPD, Berufsverbote und Extremismustheorie waren die Blüten dieser Politik.

Deutschland ist also ein Land, das über 40 Jahre autoritäres Kaiserreich, 15 Jahre wackelige Weimarer Demokratie, 12 Jahre Nazi-Barbarei und Jahrzehnte des Kalten Krieges hinter sich hat. Alles Zeiträume, in denen ein gewachsenes Misstrauen gegenüber der Linken perfekt gedeihen konnte und teils staatlich gefördert wurde. Der Umgang mit radikal-linken Strukturen – wie „linksunten.indymedia“ – wundert im Kontext dieser Vergangenheit nicht.

Wir können als Sozialist*innen Konsequenzen aus dieser Erkenntnis ziehen. Wir müssen dafür kämpfen, dass Deutschland seine reaktionären Eierschalen endlich abwirft und seine tradierte Feindschaft gegenüber den progressiven Kräften aufgibt. Aufklärung in Form von politischer Bildung, wie sie die Jusos Bayern schon seit langen Jahren auf vorbildliche Art und Weise leisten, hat hier oberste Priorität.

 

[1] Ich entschuldige mich bei allen Anti-Ds, die diesen Artikel lesen werden für diese plakative und böswillige Stereotypisierung amerikanischer Kultur ?

Selten wurden Frauen* in der Film- und Fernsehwelt so emotional diskutiert, wie diese Woche.
Es begann mit der Veröffentlichung einer Studie zum Thema „audiovisuelle Diversität“, die von Forscher*innen der Uni Rostock und der malisa-Stiftung durchgeführt wurde. Diese Studie zeigt die Verhältnisse von männlichen und weiblichen Charakteren in TV- und Kinoproduktionen auf, und splittet diese Daten noch einmal in verschiedene Sparten, wie z.B. Alter und Genre, auf. Die Daten sind erschreckend: Im Schnitt kommen auf eine Frau zwei Männer, ab dem 50. Lebensjahr kommen auf eine Frau sogar acht (!) Männer. In einem Drittel der Produktionen lässt sich nicht einmal mit der Lupe eine Hauptdarstellerin finden.

Auch der Begriff des „mansplaining“ bekommt in dieser Studie ein völlig neues Gesicht: Unter den Moderator*innen und Journalist*innen liegt der männliche Anteil bei 80%, bei Expert*innen ebenfalls, und bei Sprecher*innen von non-fiktionalen Formaten sind es mal eben 96%. Männer erklären also (mal wieder), was so passiert in der Welt. Man könnte also durchaus von einer noch immer präsenten Dominanz männlicher Akteure auf dem Bildschirm sprechen. Könnte man. Außer man heißt Claus Kleber.

Dieser sieht das nämlich ganz anders. In einem Interview mit Maria Furtwängler, einer der Gründerinnen der malisa-Stiftung und damit Auftraggeberin der Studie, sowie ihres Zeichen selbst Schauspielerin, warf er ihr nicht nur vor, mit der Studie eine Agenda zu verfolgen (stellt euch das mal vor. Eine wissenschaftliche Studie, deren Ziel es ist, eine These zu untermauern oder in Frage zu stellen. Unglaublich!), sondern auch eine gesellschaftliche Umerziehung anzustreben. Aus seiner Sicht als Vater zweier Töchter, was ihn automatisch zu einem Superfeministen macht, sei Gleichberechtigung zwar wichtig, aber doch eigentlich schon lange Realität. Überhaupt habe er das Gefühl, dass Frauen die Medienwelt längst dominierten. Und schließlich gäbe es auch genügend Frauen, die lieber Sprechern zuhören als Sprecherinnen.

Wo.

Fangen.

Wir.

An.

Zuerst einmal klingeln beim Wort „Umerziehung“ einige Alarmglocken im rechten Ohr. Diesen Begriff benutzen schließlich mit Vorliebe unsere Mitbürger*innen am rechten Rand, kurz bevor sie Gendermainstreaming brüllen und auf einem Fluss aus den Tränen alter weißer heterosexueller Männer davon schwimmen. Kritische Berichterstattung ist wichtig – aber eine solche Wortwahl lässt nicht auf Kritik, sondern reinen Antifeminismus schließen.

Hinzu kommt der klassische Rechtfertigungsmechanismus namens „Ich bin ja selbst Vater von Töchtern“- das überflüssigste Argument aller Zeiten. Und zweitens, nur weil Sie einen Hund haben, kämpfen Sie nicht automatisch für Tierrechte. Wenn die Vaterschaft aus Männern wie Herrn Kleber automatisch Feministen machen würde, hätten sich vielleicht manche schon früher dazu geäußert, dass 9 von 10 Charakteren in (imaginären) Kinderserien männlich sind, und somit Mädchen kaum Identifikationsmöglichkeiten auf dem Bildschirm sehen. Dann hätten wir nicht die peinliche Frage eben jenes Herrn Klebers hören müssen, ob denn Benjamin Blümchen jetzt ebenfalls dem Gendermainstreaming zum Opfer fällt. Aber logisch, wer fordert, dass die Verteilung gerecht sein sollte, meint damit automatisch, alle männlichen Charaktere abzumähen, aus allen nur noch weibliche Rollen zu schaffen, und die wenigen männlichen Rollen auch direkt mit Frauen zu besetzen. Immer diese radikalen Feministinnen!

Interessant ist außerdem der Vorwurf der bereits realen Dominanz von Frauen in TV-Programmen. Auf eine wissenschaftliche, durchaus repräsentative Studie, die belegt, dass Frauen offensichtlich wenig sichtbar, und ab gewissen Altersgrenzen sogar unsichtbar sind, zu antworten, man hätte aber das Gefühl, dass Frauen einige Bereiche „an sich gerissen hätten“, ist wohl das mansplainigste Mansplaining aller Zeiten. Was wollen die Weiber wieder mit ihren Fakten, wenn doch ein Mann sich anders fühlt? Und das von einem der renommiertesten Journalisten des Landes wohlgemerkt.

Zu der Aussage, dass auch Frauen häufig Sprechern lieber zuhören, muss man sagen: Ja, das stimmt. Auch dazu gibt es Studien. Man könnte sich natürlich die Frage stellen, ob das daran liegt, dass hier seit Jahrzehnten Männer dominieren (sechsundneunzig Prozent sag ich da nur) und viele Menschen in den vorherrschenden patriarchalischen Strukturen Männerstimmen eine höhere Glaubwürdigkeit zuweisen. Könnte man. Aber wieso reflektieren, wenn man es sich auch einfach machen kann.

Das Fazit der Studie könnte sein, dass Frauen noch immer unterrepräsentiert sind. Könnte es. Außer man ist ein alter weißer Mann, der es einer Frau vor laufender Kamera mal so richtig zeigen kann, und dafür auch seine journalistische Integrität über Bord wirft. Dann sind das alles doch nur Hirngespinste dieser verrückten Feministinnen, die eigentlich gar keine Ahnung haben.

Das zweite weibliche Großereignis dieser Woche war die Bekanntgabe der neuen Besetzung des Doctors aus Doctor Who. Nur dass es eben keine Besetzung „des“ Doctors war, sondern „der“. Für alle nicht-Whovians ein paar kurze Vorabinfos: Der Doctor ist der Protagonist der Serie Doctor Who, die mit Unterbrechungen seit 1963 von der BBC produziert wird. Er ist ein Außerirdischer vom Planeten Gallifrey, ein sogenannter Timelord, der mit seinem Raumschiff, der TARDIS, durch Zeit und Raum reisen kann. Dabei hat er eine meist weibliche Begleitung, genannt Companion, dabei. Der Clou an der Sache ist, dass er nicht sterben kann, sondern stattdessen regeneriert, also einen neuen Körper annimmt. Praktisch, da die ersten Besetzungen inzwischen verstorben sind, und die Serie somit trotzdem am Laufen bleibt. In Großbritannien ist die Präsentation der neuen Besetzung ein großes Ereignis, das in den Zeiten vor dem Internet ein echter Straßenfeger war. Nach dem Wimbledonfinale am letzten Sonntag präsentierte also die BBC die neue Inkarnation des Doctors. Schon zuvor wurde lange darüber spekuliert, wem wohl diese Ehre, die der Verkörperung der Rolle des James Bonds in nichts nachsteht, zuteil wird. Die Wahl fiel dabei auf (*Trommelwirbel*) Jodie Whittaker. Manche kennen sie vielleicht aus der Krimiserie Broadchurch (in der übrigens der zehnte Doctor David Tennant den Ermittler spielt, ein Alien, gespielt von Olivia Colmanaus Staffel 5 Folge 1 die Ermittlerin, und der ehemalige Companion Arthur Darvill den verdächtigten Pastor), die man unbedingt gesehen haben sollte.
Lange Rede, kurzer Sinn: Für viele meist männliche Fans brach damit eine Welt zusammen. „I’m not a sexist, but the Doctor has to be male“ war da noch der harmloseste Tweet. Natürlich könnte man sagen, dass es doch nur eine Fernsehserie ist, und was da das ganze Mimimi soll. Als jemand, die diesen Beitrag gerade in ihrem Tardispullover schreibt, und dazu Tee aus einer Tardistasse schlürft (Beweisfoto folgt), kann ich aber durchaus sagen, dass das schon ein ziemlich großes Ding ist. Die Aufregung um die Besetzung kann ich deshalb nachvollziehen. Die Aufregung darum, dass es eine Frau ist, nicht.

Gerade Doctor Who war schon lange sehr fortschrittlich. Durch einige sehr progressive Schreiber (ja, Schreiber. Vielleicht ja auch bald eine Schreiberin?) wie z.B. Mark Gatiss, der auch Sherlock geschrieben und darin Mycroft Holmes gespielt hat, waren Themen wie Homo-, Inter- oder Transsexualität schon lange kein Tabu mehr. Mein persönlicher Favorit ist die Beziehung einer modernen Echsenfrau aus dem Innersten der Erde, die mit einer Menschenfrau im 19. Jahrhundert zusammenlebt. Wer das verstehen will, sollte die Serie schauen. Es war für die Meisten nur eine Frage der Zeit, bis eine weibliche Doctor vorgestellt wird. Und trotzdem stellt das für viele Männer einen riesigen Eingriff in ihre Männlichkeit und ihre Privilegien dar. Die Frauen nehmen uns alles, aber nicht den Doctor! Tja, Pech gehabt, meine Lieben. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Aufregung schnell legt. Es braucht immer etwas Zeit, um sich an eine*n neue*n Doctor zu gewöhnen. Vielleicht verfliegen die Ressentiments gegenüber Jodie Whittaker ähnlich schnell, wie die, gegenüber der letzten Besetzung. Damals fanden viele den Schauspieler Peter Capaldi zu alt.

Allerdings war es damals nicht der erste Impuls britischer Tabloids wie der Sun, Nacktbilder des Schauspielers zu veröffentlichen. Es überrascht kaum, dass mit „Oh mein Gott, man hat ihren Körper schon mal nackt im Fernsehen gesehen, sie wird alle unsere Kinder krank und lesbisch und übersexualisiert machen“-Rufen auf die Besetzung einer Frau reagiert wird.

Aber egal. Für die britische Fernsehlandschaft ist das erstmal ein riesiger Schritt nach vorn.
Und ich hoffe, dass es Claus Kleber schafft, sich diese wundervolle und so sehenswerte Serie anzuschauen, ohne in seinen antifeministischen Tränen zu ertrinken.

 

 

Mehr Infos zur Studie findest du hier: https://malisastiftung.org/studie-audiovisuelle-diversitaet/

Hier kannst du das Video zur neuen Doctor-Besetzung anschauen: http://www.bbc.com/news/av/entertainment-arts-40626273/doctor-who-s-13th-time-lord-unveiled

Seit genau 15 Jahren spüren wir sie allgegenwärtig. Die Angst sitzt neben uns im Flugzeug, schreibt unsere Schlagzeilen und ist zu Gast in den Talkshows. Am Stammtisch, Arbeitsplatz oder in den Schulen kennt man sie. Und auch im eigenen Haus oder in der Wohnung ist sie ein treuer Begleiter. Seit der Ereignisse des 11. Septembers 2001 werden wir sie nicht mehr los.
Angefangen als ein weiteres Klischee, ist die „German Angst“ längst zu einem Sinnbild der heutigen Gesellschaft geworden. Eine Generation, die Krieg nur aus dem Fernsehen kennt, die das höchste Wohlstandsniveau genießt und deren größtes Problem es zu sein scheint, ob die Smartphone-Versicherung Wasserschaden denn nun übernimmt oder nicht. Denn versichert sind wir gegen wirklich alles. Das zeigt die Existenz einer Hochzeitsrücktrittskostenversicherung.

Wer viel hat, hat eben viel zu verlieren. Um jeden Preis muss jegliches Risiko beseitigt werden. Lässt sich ein Faktor nicht kontrollieren, reagieren wir mit unverhältnismäßiger Furcht.
Es ist paradox: Die Generation, die in größter Sicherheit lebt, ist auch die ängstlichste geworden. Die R+V-Versicherung, die die Ängste der Deutschen seit 1991 beobachtet, schreibt in einer Studie, dass „nie zuvor im Laufe unserer Umfragen (…) die Ängste innerhalb eines Jahres so drastisch in die Höhe geschnellt (sind) wie 2016“. Zu den Spitzenreitern der wahrgenommenen Gefahrenpotentialen gehören vor allem externe Bedrohungen. 73% der Deutschen haben große Angst vor Terrorismus, und 67% vor Spannungen, ausgelöst durch den Zuzug von Ausländern (vgl.  Ängste der Deutschen 2016, R+V Versicherung).

Ängste der Deutschen 2016

Ängste der Deutschen 2016

Und wie kann man es den Menschen auch verdenken? Die Gegenwart überschlägt sich vor lauter Krisen. Terrorismus dringt immer weiter in Europas „heile“ Welt ein: erst Paris, dann Brüssel und jetzt auch in Deutschland. Hunderttausende fliehen vor Armut, Gewalt und Konflikten und stehen vor unseren Türen. Der Brexit ist symptomatisch für den bröckelnden Zusammenhalt in Europa. Der Übergang von Krise zu Krise ist fließend und lässt kaum Zeit zum Luft holen. Kein Wunder also, dass es uns beim Lesen der neusten Nachrichten manchmal die Kehle zuschnürt.

Die westliche Gesellschaft wird von einer Kultur der Furcht bestimmt: 2016 waren vermeintlich sichere Urlaubsziele wie Deutschland, Österreich und Italien am beliebtesten. Nach Ägypten oder in die Türkei würden die wenigsten ohne ein mulmiges Gefühl fliegen wollen. Zu groß ist die Angst vor der instabilen politischen Situation und anderen Gefahrenherden. Die Angst vor der Fremde trifft uns auch zuhause und hat die anfängliche Willkommenskultur umschlagen lassen in die Forderung nach einer Begrenzung der Einwanderung. Dankbar wird das CSU-Papier gelesen, das Ordnung verspricht und mit der Mauer an der europäischen Außengrenze auch eine in den Köpfen hochzieht. „Deutschland muss Deutschland bleiben“, fordert die Partei und möchte vorrangig nur Menschen aus christlich-abendländischer Kulturkreisen im Land aufnehmen. Die „Orbánisierung der CSU“ scheint weit fortgeschritten (vgl. Zeit Online).

Doch woher kommt diese Angst vor Andersartigkeit und Veränderung? Allgegenwärtig ist sie im Wahlkampf. Denn wer sich vor der Zukunft fürchtet, hört leichter auf eine Partei, die verspricht, die Verhältnisse aus der Vergangenheit wiederherzustellen. Ängste schüren bringt Stimmen. Das haben AfD und CSU erkannt und so sind die Schlagworte in diesem Wahlkampf Variationen eines Themas: Angst vor Fortschritt, Angst vor Fremden und Angst vor Identitätsverlust.

Doch auch die Medien tragen ihren Teil zur kollektiven Paranoia bei. Neutrale und sachliche Berichterstattung scheint von gestern zu sein. Aus dem „sex sells“ wurde „panic sells“ und so lassen sich selbst renommierte Zeitungen dazu hinreißen, in die Panikmache einzusteigen. Beispielhaft hierfür ist die Empfehlung der Bundesregierung, Vorräte für den Katastrophenfall anzulegen. Im Netz überschlagen sich die Vermutungen, was das zivile Verteidigungskonzept bedeuten soll. Welcher Supergau steht denn jetzt bevor?
In den neuen Medien erleben wir nämlich jede Katastrophe hautnah. Durch all die Berichte über Mord, Verschwörungen und Naturkatastrophen fühlen wir uns nur noch schutzloser unkontrollierbaren Bedrohungen von außen ausgeliefert.

So ist die Gesellschaft gegenüber möglichen Gefahren hypersensibel geworden. Verstärkt wird dies durch eine unrationale Risikobewertung. Der Mensch hat verlernt, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen und umso größer klafft das Loch zwischen gefühlten und tatsächlichen Bedrohungen. Natürlich haben viele Ängste ihre Berechtigung und dass wir z. B. durch gesundes Essen und Sport unser Krankheitsrisiko zu minimieren versuchen, ist richtig. Sicherheitsvorkehrungen wie Airbags und Anschnallgurte retten Leben. Denn dass der Unfalltod im Auto wahrscheinlicher ist, als Opfer eines Selbstmordattentats zu werden, hat doch jeder schon mal gehört. Trotzdem ertappen sich viele dabei, bei arabisch sprechenden Männern im Flugzeug ein ungutes Gefühl zu bekommen und an 9/11 zu denken.

Solche Ängste sind Gift für unsere weltoffenen Ideale. Sie fesseln unseren Fortschritt und lassen uns auf unserer Suche nach vermeintlich absoluter Sicherheit erstarren. Wir streben die Null-Risiko-Gesellschaft an und sehen vor lauter möglichen Horrorszenarien das wirkliche Leben nicht mehr. Panisch schränken wir unsere Freiheit immer weiter ein und ziehen uns verunsichert in einen Bunker aus Vorurteilen, Misstrauen und Abgrenzung zurück. Doch wir dürfen uns nicht von künstlich geschürten Ängsten fremdbestimmen lassen. Wir dürfen uns keine Angst machen und beeinflussen lassen von populistischen Parteien und Akteuren, sondern müssen ihnen den Wind aus den Segeln nehmen, indem unsere Debatten wieder zurückkehren zur Realität. Furcht darf uns nicht steuern und davon abbringen, für das zu kämpfen, was wir erreichen wollen. Nämlich eine multikulturelle, gerechte und lebenswerte Zukunft. Darum brauchen wir Mut zu mehr Mut!

 

Zeit Online: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-09/csu-vorstand-zuwanderung-integration-migration (Stand 11.09.2016).

Die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern ist vorbei. Die Entscheidung der Wähler*innen ist mit einer Wahlbeteiligung von 61,6% gefallen. Leif-Erik Holm (AfD) postuliert: „Und vielleicht ist das heute der Anfang vom Ende der Kanzlerschaft Angela Merkels!“ Ich will jetzt aber eigentlich gar nicht darüber schreiben, wie die Wahl gelaufen ist, was einzelne Parteien besser oder schlechter hätten machen können und was passiert wäre, wenn die Variable ‚x‘ anders wäre. Dazu gibt es spätestens morgen genug Zeitungsartikel, Blogeinträge und YouTube-Videos.  Mir liegt ein Thema am Herzen, das vor allem im Vorfeld der Wahl auffällig ist. Wie wird im Internet und in sozialen Netzwerken eigentlich diskutiert?

Vielleicht betrachten wir erst einmal das Ideal einer Diskussion: Wir haben Person A und Person B bis X mit verschiedenen Standpunkten. Jeder legt zuerst seine*ihre Position dar. Danach wird darüber geredet warum und wie und aus welchen Gründen diese Position vertreten wird. Person A versucht Person B zu überzeugen, dass seine*ihre Meinung richtig oder besser ist oder sieht ein, dass es einen Fehler in seiner*ihrer Logik gibt und muss die eigene Position überdenken. Hierbei können sich – auch durch Recherche und gut fundierte Aussagen – neue  Meinungen entwickeln und alte Konzepte verworfen werden. Für viele ist das Wichtigste daran, dass man auch nach einer hitzigen Diskussion noch gemütlich was zusammen trinken kann, ohne sich direkt in die Haare zu bekommen.

Betrachten wir nun Diskussionen im Internet. Die großen Vorteile gegenüber einer Diskussion in der Kneipe, oder an einem anderen Ort im realen Leben, ist die Tatsache, dass man für seine Meinung direkt im Internet Belege und Quellen suchen kann und dass man Überlegen kann, bevor man schreibt. Statistiken zu Gewaltverbrechen, Bevölkerungsentwicklung, Tieren in Zoos, Anzahl der Schultüten im Saarland oder auch Niederschläge aufs Jahr  pro Quadratmeter in Finsterau sind einfach und unkompliziert zu finden. Die Diskussion ist also im Idealfall fundiert und die Diskutierenden haben die Möglichkeit über ihre Antwort nachzudenken und sie gegebenenfalls noch zu ändern. Im echten Leben sähe es doch seltsam aus, wenn ein Diskussionspartner zwei Minuten schweigend da sitzt, während er*sie über eine Antwort nachdenkt.

So schön das alles klingt, ist die Realität doch anders. Eine Diskussion ist nicht mehr der verbale Schlagabtausch zwischen Personen. Jede*r hat seine*ihre vorgefestigte Meinung und weicht von dieser auch keinen Millimeter ab. Man schreibt seine Meinung auf, diskutiert aber nicht. Es gibt keinen Grund nett und sachlich zu diskutieren, man kennt die andere Person sowieso nicht und wird sie im Zweifelsfall niemals treffen. Quellen, die nicht ins eigene Konzept passen, werden als unwahr und vom Staat gelenkt dargestellt, statt die eigene Meinung zu hinterfragen  Aber wieso bitte sollten Tagesschau, Zeit, Süddeutsche und Co lügen, aber Russia Today, Magyar Televízó aus Ungarn und dubiose Websites und Blogs aus dem Internet Recht haben?  Wieso sind alle Menschen, die nicht meiner Meinung sind automatisch uninformiert und doof?

Bei einer Diskussion unter einem Artikel auf der Facebookseite der Passauer Neuen Presse über Sebastian Frankenberger ging es natürlich primär um das vor sechs Jahren initiierte Rauchverbot und die damalige Volksabstimmung. Der eine Teil der Kommentierenden war der Meinung, dass jeder, der vor 6 Jahren nicht bei der Volksabstimmung dabei war, selbst schuld sei und die Möglichkeit zur Mitbestimmung gehabt hätte. Der andere Teil – der gegen ein Rauchverbot in Innenräumen ist – spricht von „Minderheitenpolitik“ und fragt, ob „bei der Wahl denn alles mit rechten Dingen zugegangen sei“. Alles, was nicht ins eigene Bild passt, wird geleugnet oder als Lüge dargestellt.

Wenn ich Facebook-Kommentare lese, rege ich mich sehr oft auf. Aus einfachen Meinungsposts, die aufeinander folgen, sich wiederholen und zumeist in keinem großen Zusammenhang stehen wird mitunter sehr schnell ein „Halt die Fresse, du dummer Nazi!“ oder „Verpiss dich, du Zecke!“. Die Eskalationsstufe ist schnell erreicht und man hat das Gefühl, dass Menschen sich im Internet sicherer fühlen, frei zu schreiben, was sie anscheinend denken. Mittlerweile wird auch unter Klarnamen und mit angegebenem Arbeitgeber munter gehetzt, beleidigt und gedroht. Ich habe Angst, dass diese zunehmende Verrohung auch weiterhin auf das echte Leben übergreift. Dass sich Menschen gegenseitig so weit aufputschen, dass sie im echten Leben Straftaten verüben.

Wir müssen zurückfinden, zu einer angemessenen Diskussionskultur, auch im Internet. Wir müssen wieder lernen, auf die anderen einzugehen und versuchen sie zu überzeugen und sie nicht anzuschreien. Ich will nicht sagen, dass wir rechte Kommentare einfach stehen lassen sollten. Wir müssen sachlich und fundiert dagegenreden, um auch Leser*innen, die nicht mitdiskutieren wollen die Möglichkeit zu geben mitzukommen. Wenn man sich nur gegenseitig beleidigt erweckt es in mir ein Bild von zwei streitenden Kindergartenkindern, die sich mit der Schaufel verprügeln – sowas kann ich nicht ernst nehmen.

Vor allem müssen wir lernen, die Fehler nicht immer beim anderen zu suchen. Statt „DANKE MERKEL!!“ zu schreiben und die Islamisierung des Abendlandes zu predigen, kann man doch einfach mal in seinem Ort schauen, ob es dort die Möglichkeit gibt, mit Asylbewerber*innen in Kontakt zu kommen und sie kennenzulernen. Meistens beißen sie nicht und tragen auch keine Burka. Eine gespaltene Gesellschaft bringt uns nicht weiter. Hören wir also auf uns anzuschnauzen und fangen wir an, aufeinander zuzugehen.  Statt Angst sollten wir Verständnis schaffen. Statt bösen Blicken die Hand reichen und gemeinsam gegen die Bedrohungen in der Welt stehen.

 

Griechenland bleibt also im Euro-Raum, kein Grexit, keine Vewerfungen an den Finanzmärkten. Es scheint, als hätte man alle Probleme zumindest mittelfristig gelöst und den Währungsraum damit stabilisiert. Portugal, Irland und Spanien laufen soweit rund und auch Griechenland hat mit dem neuen Rettungspaket die nächsten Jahre seine Ruhe. Das dies nicht ganz der Fall ist möchte ich im Folgenden erläutern und ein kleines Fazit zu der „Rettung“ Griechenlands ziehen.

1. Symptome wurden geheilt, nicht die Ursache

Man hat in der gesamten Debatte hinweg erkennen müssen, dass der ökonomische Sachverstand auf allen Ebenen, bei allen Parteien und in ganz Europa ein ganz niedriges Niveau aufweist. Mittlerweile bin ich es ja gewohnt, dass der Großteil der deutschen PolitikerInnen die Ursachen nicht verstehen oder verstehen wollen, weil das fundamental gegen ihre Grundsätze verstoßen würde. Leider ist diese Tendenz auch in der SPD vorhanden. Aber wieso auch die Sozialisten in ganz Europa in der Debatte zu Griechenland nicht darauf hingewiesen haben, dass Deutschland mit ihren Exportüberschüssen genau die Probleme zumindest mit verursacht haben, bleibt mir ein Rätsel. Vielleicht wurde das innenpolitisch durchaus gemacht, aber im Rahmen der Verhandlungen habe ich leider keine Statements darüber gelesen, aggressiv wurde somit Deutschland als vermeintlicher Verhandlungsführer nicht angegangen. Herrn Gabriel kann man in dieser Debatte leider nicht sonderlich ernst nehmen, da er fast stündlich seine Positionen geändert hat und scheinbar nicht so recht weiß, was er will.

Der Währungsraum ist so lange nicht gerettet oder stabilisiert, bis man endlich die wahren Ursachen erkannt hat: Die unglaubliche Ungleichheit in den Handelsbilanzen. Zwar schreibt der Währungsraum im Ganzen leichte Exportüberschüsse, diese sind jedoch sehr ungleich verteilt. Der Exportüberschuss, den Deutschland verzeichnet, ist nichts anderes als ein Aufbauen von Forderungen gegenüber dem Ausland (z.B. ggb. Griechenland) – dies geht so lange gut bis die Solvenz des Gläubigers halbwegs gegeben ist. Wenn jedoch diese Überschüsse Jahr für Jahr ansteigen und somit die Forderungen aufgebaut werden, muss es über kurz oder lang zum Crash kommen. Genau dies ist auch in der Finanzkrise passiert. Leider wurden diese Überschüsse seitdem nicht abgebaut (eher umgekehrt), sondern über Kredite abgesichert. Dies ist nicht nur in Griechenland, sondern in allen anderen Ländern (Irland, Spanien, Portugal) auch passiert. (es gäbe dazu auch kaum eine Alternative, wenn man die Problematik an sich nicht angehen will).

Das bedeutet aber auch, dass es mittelfristig wieder zu Krisen kommen muss. Die Defizitländer kommen aus der Falle Verschuldung / Überschuldung nicht raus, so lange Länder wie Deutschland ihren Fokus auf die Exporte legen und nicht die Importe endlich massiv steigern. Doch wer finanziert die nächste Krise, wenn man am Beispiel Griechenland schon so große Ressentiments spürt? Das ist eine wichtige und spannende Frage, deren Antwort ich unter folgendem Punkt erörtern möchte, da ich glaube, dass die Solidarität mit den Partnerländern peu à peu zu bröckeln beginnt und die langfristig nicht mehr zwangsläufig gegeben ist.


2. Die Solidarität und der europäische Gedanke verschwinden zusehends

Vielleicht täusche ich mich hier, aber man bekommt das Gefühl, dass die Solidarität, der europäische Gedanke stückweit verloren geht. Dies erkenne ich nicht nur in der Medienlandschaft, sondern auch bei einigen PolitikerInnen. Mir geht es v.a. um den Ton, mit dem man die Verhandlungen mit Griechenland geführt hat. Auf beiden Seiten sank von Tag zu Tag das Niveau, mit dem man den europäischen Partner(n) begegnet ist. Varoufakis stand im Mittelpunkt, der sicherlich die ein oder andere verbale Entgleisung brachte, aber mir mit der Dauer nur noch leid getan hat, weil es von Anfang an klar war, dass die europäischen Partner nicht willens waren, einen Kurswechsel zu vollziehen. Man sprach von zerstörtem Vertrauen (Schäuble) von einer schlechten Regierung (Martin Schulz) oder Erpressern (Varoufakis). Vor allem, dass kurz nach der Wahl von SYRIZA die Attacken der Gläubiger losgingen, hat mich zutiefst erstaunt und beunruhigt.

Ich verstehe einfach nicht, wieso man die Lage in Griechenland nicht sachlich analysiert hat. Folgende Tatsachen waren doch nicht zu übersehen:

Griechenland hat in den letzten Jahren so viel gespart wie kein Land jemals zuvor.
Die Wirtschaft ist in sich zusammengebrochen und hat die Prognosen des IWF deutlich verfehlt
=> Wieso denkt der IWF nicht über seine eigenen Instrumente mal nach? (nur mal so nebenbei bemerkt)

Die Menschen leiden, die Kranken – und Arbeitslosenversicherung wurden massiv gekürzt, die Arbeitslosenquote blieb trotzdem sehr, sehr hoch, was nicht anders zu erwarten war.

SYRIZA wollte einen Kurswechsel – wieso konnten oder wollten das Schäuble, Merkel, Schulz und Co. das nicht zumindest verstehen? Wieso hat man von Anfang an keine Verhandlungen auf Augenhöhe signalisiert, dass man schon einen guten Kompromiss finden wird. Eine Debatte in herzlicher Atmosphäre angeboten. Ist Ihnen bzw. war Ihnen die Schicksale der Menschen so egal, dass Sie einzig und allein auf ein paar Zahlen schauen (Schuldenquote…)?

Mir kommen folgende Punkte hier in den Sinn:

Sie wollten ein Exempel statuieren, in dem Sinne, dass andere Länder (Spanien, Portugal, Irland, vllt Frankreich & Italien?) ja nicht dieselben Forderungen aufstellen. Es wurde somit ein Umfeld des Abschreckung aufgebaut mit der Unterstützung der baltischen Staaten sowie u.a. Finnland.

Wir haben recht und die anderen nicht: Neoliberale Politik scheint immer noch en vogue zu sein, trotz der Krisen, die diese verursacht haben. Es passt nicht in ihr Weltbild, dass Sparen nicht zum Erfolg führt. Auch aus dem Grund durfte es keinen Richtungswechsel geben.

SYRIZA – mittlerweile glaube ich sogar an die Verschwörungstheorien, dass die konservativen Mächte in Europa eine „so“ linke Regierung wie SYRIZA nicht tolerieren wollten. Die Erpressungen der letzten Tage waren hier einfach zu eindeutig.  All das zusammen lässt mir keine großen Hoffnungen auf eine goldene Zukunft in Europa. Vor allem macht es mich rasend, dass es keine etablierte Partei mehr gibt, die sich aufopferungsvoll und ganzheitlich für ein starkes Europa einsetzt (in Deutschland u Europa) und auch im Europa es immer mehr Parteien und somit Anhänger gibt, welche die EU in der jetzigen Form nicht mehr wollen, aus dem Grund, weil sie glauben, alleine stünde man besser da. Aber das ist nicht so. Man sieht es in der SPD teilweise an, welche Angriffe hier gesteuert wurden, die Union war noch nie die Partei der großen EU-Fanatiker (auch wenn Kohl hierfür groß gekämpft hat) – in den anderen Ländern sieht es leider nicht besser aus. Da darf es keinen wundern, wenn in der Bevölkerung der Unmut immer größer wird, flankiert durch eine desaströse Pressearbeit, die sich von der Kritik an der EU scheinbar höhere Auflagen versprechen. Wie soll in diesem Umfeld positive Stimmung für Europa entstehen und zwar in den bereiten Schichten der Bevölkerung…?
Was ist nur aus dem europäischen Gedanken geworden, fernab von jeglichen ökonomischen Wachstumsversprechungen?
Der Gedanke daran, dass man einfach näher zusammengerückt ist, sich füreinander einsetzt, um das Beste für jedermann zu erreichen.

Frieden! Was war Europa für ein zerstrittener Kontinent – voller Hass und Kriegsgelüsten. Welch Entwicklung dies genommen hat, ist einfach nur fantastisch, auch wenn natürlich nicht alles Gold ist, was glänzt und man hier noch viel verbessern kann. (v.a. die Rolle der EU im nicht-europäischen Ausland)
Internationale Solidarität. Auch wenn im Vertrag von Maastricht festgehalten wurde, dass die Partnerländer nicht für die Schulden anderer aufkommen, hatte ich in der Vergangenheit stets das Gefühl, dass man den Ländern eher hilft als umgekehrt (Aussetzung der 60 % Schuldenquote oder der 3 % Defizitquote). Dieses Gefühl geht immer stärker verloren.

Was wird passieren, wenn in den Ländern Spanien, Portugal oder Irland die nächste Krise kommt? Diese Länder sind jetzt schon überschuldet, die Stabilität ist fragil, weil völlig falsche Ansatzpunkte gewählt wurden. Wenn Frau Merkel sagt, der EURO sei stabiler als zuvor, irrt sie sich leider gewaltig. Aus dem Grund befürchte ich, wird bei der nächsten größeren Krise ein Exempel statuiert – in der Form, dass ein Land aus dem EURO ausscheiden wird. Vielleicht wird das entsprechende Land bzw. deren Regierung freiwillig diesen Weg gehen, da eine Austeritätspolitik noch viel schlimmere Folgen hat.

Ein Beispiel wie es gehen kann geben uns aktuell die Ergebnisse der Verhandlungen mit dem Iran. Hier hat man auch Sachebene, auf Augenhöhe über Monate diskutiert. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass ein Kompromiss hier möglich sein wird? Und doch hat man es geschafft. Man mag zu dem Abkommen stehen wie man will: Ich sehe es ein stückweit positiv, weil Länder, die sich früher aggressiv gegenüber gestanden sind, heute ein friedliches Ergebnis erzielt haben. Und das finde ich geil. (ich weiß, die Rolle mit Israel ist hier schwierig, aber das soll hier nicht das Thema sein)

Ich hoffe die Sozialdemokratie besinnt sich wieder auf die internationale Gemeinschaft, auf die Solidarität mit den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und besinnt auf ein soziales Europa, das die Zukunft gestalten soll. Wir müssen voran gehen, wir dürfen nicht abwarten, wie antieuropäische Kräfte die Oberhand gewinnen und dieses wunderbare Projekt angreifen & zerstören wollen. Wir als SPD, als SPÖ oder als Sozialisten in Frankreich, haben verdammt nochmal die Verantwortung, dass Europa zusammenhält, damit Protektionismus (wie er in Großbritannien momentan die Bewegung ist) und Abschirmung keine Chance erhält. Wir müssen die Leute überzeugen, dass Wohlstand und soziale Gerechtigkeit nur mit einem starken Europa möglich sein wird. Besinnen wir uns auf unsere Stärken, ansonsten sehe ich für den Euro und der EU schwarz. Und es wird keinem gefallen, was dann passieren wird.

HOCH DIE INTERNATIONALE SOLIDARITÄT!

ErikOlceseIn der Ausgabe der Passauer Neue Presse – PNP​ vom 01. April 2015 äußert sich Ernst Fuchs auf der Titelseite in der Rubrik STANDPUNKT populistisch zur Situation in Griechenland und wettert für einen Austritt des Landes aus dem Euro: „Die Euro-Zone braucht Athen ungefähr so dringend wie eine Hausfrau das fünfte Zweit-Auto“. Als Vorsitzender des Juso-Stadtverbands Passau nehme ich mit einem Leserbrief zur Hetze Stellung – leider wurde der Leserbrief in der PNP bisher nicht abgedruckt. 

STANDPUNKT „Kreml-Griechen“ von Ernst Fuchs in der PNP vom 01. April 2015:

„Die griechische Regierung mag das Zocken, Tricksen und Täuschen einfach nicht lassen. Im Gegenteil: Tsipras überreizt seine Karten. Wenn er bei Merkel oder in Brüssel bettelt, verspricht er regelmäßig Gold und grüne Wälder. Was er dann an Reformvorschlägen abliefert, ist allenfalls Blech und verdorrtes Holz.

Dafür ist sich seine dunkelrotbraune Regierung für keinerlei Drohung zu schade: Zuerst sind es Reparationsforderungen an Deutschland, dann Zehntausende Flüchtlinge, die von Hellas aus ins übrige Europa in Marsch gesetzt werden sollen, während Tsipras jetzt Zuflucht sucht im Schoß Russlands und dergestalt sozusagen hinter sich eine Brücke nach der anderen zu den EU-Partnern in die Luft jagt.

Dass eine Regierung nicht unbedingt Lust hat auf schmerzhafte Reformen, ist nachvollziehbar. Dass auch dafür andere die Zeche zahlen sollen, jedoch nicht. Ob die Griechen glücklich werden, wenn sie sich weiterhin in Akrobatik über leeren Kassen üben oder demnächst Russisch lernen, bleibt abzuwarten. Reisende soll man nicht aufhalten. Die Euro-Zone braucht Athen ungeführ so dringend wie eine Hausfrau das fünfte Zweit-Auto. Wenn sie allerdings Dreistigkeit belohnt, wird sie scheitern, weil dann auch andere Krisenstaaten auf den Geschmack kommen und die Akzeptanz Europas schrumpft. Zum Beispiel erhält der griechische Durchschnittsrentner erheblich mehr Geld als der deutsche.“

Meine Reaktion auf den STANDPUNKT “KREML-GRIECHEN” von Ernst Fuchs in der PASSAUER NEUEN PRESSE vom 01.04.2015

Im Kommentar von Ernst Fuchs zu den “Kreml-Griechen” werden abermals die typischen populistischen Ressentiments geschürrt. Der Autor beweist, dass er inhaltlich die Krise in Griechenland nicht verstanden hat.

Er geht schlicht davon aus, die Griechen wären zu faul zum Sparen. Das ist falsch. Seit Ausbruch der Krise musste die griechische Bevölkerung eine Reihe von dramatischen Kürzungen über sich ergehen lassen. Renten wurden gestrichen, tausende Stellen im öffentlichen Dienst abgebaut, der Mindestlohn gesenkt, die Mehrwertsteuer erhöht und vieles mehr. Dass Deutschland allein von den Zinsrückzahlungen enorm profitiert und an der Krise mitverdient, ist als Erkenntnis wohl nicht populär genug.

Die Wirtschaftsleistung der Griechen ist am Boden, es gibt faktisch keine Kaufkraft mehr im Land. Deutschland selbst hat zu Beginn der Wirtschaftskrise mit der Abwrackprämie Geld an die Bürgerinnen und Bürger weitergegeben, um die Kaufkraft unseres Landes zu behalten. Immer weitere Kürzungen werden der Binnennachfrage in Griechenland nicht helfen. Es muss weiter Geld fließen, um eine Nachfrage auf dem Markt zu ermöglichen.

Dass sich die griechische Regierung nun um andere Geldgeber bemüht, ist absolut verständlich, wenn sie tatsächlich zu einem zivilisierten Lebensstandard im Land zurückkehren will und die Konjunktur wieder ankurbelt. Von einem Kommentator zur humanitären Katastrophe in Griechenland darf erwartet werden, dass er ein zumindest minimales Verständnis für ökonomische Zusammenhänge beweist, statt immer die gleichen stumpfen Plattitüden zu schreiben, um den Populismus in unserem Land am Leben zu erhalten.