Warum nicht nur Bad Aibling, sondern jede Stadt eine Max-Mannheimer-Straße braucht:

Max Mannheimer sah seine Eltern, seine Schwestern und eine Ehefrau am 2. Februar 1943 an der Selektionsrampe in Auschwitz-Birkenau das letzte Mal, bevor sie in den Gaskammern starben. Er selbst überstand das Martyrium dort und im Stammlager Auschwitz, sowie die Konzentrations- und Außenlager Warschau, Dachau, Karlsfeld und Mühldorf. Als er am 30. April 1945 befreit wurde, wog er nur noch 47 Kilogramm und war an Fleckfieber erkrankt. Aber er lebte.

Auschwitz-Birkenau ©Luisa Haag

Nach einem Nervenzusammenbruch und Depressionen beschloss er, sich das Wachhalten der Erinnerung zur Aufgabe zu machen. Er überwand sein seelischen Tief und reiste bis an sein Lebensende durch das Land, um die Erinnerung an die Shoah nicht verblassen zu lassen. „Die Menschen haben aus Auschwitz nur sehr wenig gelernt“, resümierte er in einem Interview mit dem Spiegel.

Ende September letzten Jahres verstarb Max Mannheimer, der allen Opfern der Shoah jahrzehntelang eine Stimme verlieh, im Alter von 96 Jahren in München und hinterließ eine große Lücke in der deutschen Erinnerungskultur.

Anfang diesen Jahres schlug Richard Rechner, Stadtrat für die SPD in Bad Aibling, vor, eine neugebaute Straße Max-Mannheimer-Straße zu nennen. Mannheimer sollte kurz vor seinem Tod noch die lokalen Literaturtage in Bad Aibling eröffnen, was er krankheitsbedingt absagen musste und hielt auch früher häufig Vorträge in Schulen vor Ort. Der Vorschlag wurde im Bauausschuss einstimmig angenommen.

In der Zeit nach dem Beschluss, meldeten sich im Rathaus einige Bürger:innen, um ihre Sorgen in Bezug auf den Straßennamen kundzutun. Man befürchtete, dass die Straße mit rechten Schmierereien verunstaltet werden könnte. Ein:e Bürger:in äußerte zudem noch den Vorschlag, die Straße doch lieber auf den Namen Franz Josef Strauß zu taufen.

Diese Sorgen und Vorschläge allein machen mich schon unfassbar wütend. Noch wütender macht mich allerdings die Tatsache, dass die Straße nun nicht nach Max Mannheimer benannt wird. Der Stadtrat entschied sich aus immobilienwirtschaftlichen Gründen für „Maximiliansstraße“. Hier möchte ich zwei Dinge anmerken: Zum einen denke ich, dass sich die wenigsten Menschen ihren Bauplatz, ihr Haus oder ihre Wohnung nach dem Straßennamen aussuchen. Zum anderen wäre ich unfassbar stolz, wenn ich in einer Max-Mannheimer-Straße wohnen könnte. Die Aussage eine CSU-Stadtrats, diese Sackgasse sei sowieso zu wenig für das Gedenken an Max Mannheimer, ist meiner Meinung nach eine einzige Farce und steigert meine Wut noch mehr.

Ich vermute, dass die meisten Bürger:innen, die dagegen sind, eine Straße nach einem Menschen zu benennen, der das größte Verbrechen der Menschheit, die systematische Ermordung von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Menschen mit Behinderung und weiteren Opfergruppen, überlebt hat, einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen wollen. Sie wollen aufhören über das Geschehene nachzudenken und nicht mehr an die Schuld, die sich deutsche Täter:innen aufgeladen haben, erinnert werden. Doch hier kann es keinen Schlussstrich geben. Auch wenn wir keine aktive Schuld an den Geschehnissen der Vergangenheit tragen, haben wir die Pflicht, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, um es in Adornos Worten zu sagen.

„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber was in Zukunft geschieht, dafür schon.“ ©Bayerischer Rundfunk

Gerade jetzt, wo Pegidist:innen in vielen Städten aufmarschieren und die AfD rechte Parolen wieder salonfähig macht, müssen wir uns das dunkelste Kapitel der heutigen BRD vor Augen führen und das Gedenken an die Opfer aufrechterhalten. Und nachdem es in naher Zukunft kaum mehr Zeitzeug:innen geben wird, die noch von ihren Erlebnissen berichten können, ist es umso wichtiger, dass wir uns Gedanken über unsere Erinnerungskultur machen. Dafür wäre in meinen Augen Eine Max-Mannheimer-Straße in jeder Stadt ein guter Anfang.

Bad Aibling möchte den Auschwitz-Überlebenden nun mit einer anderen Straße ehren.

 

Quellen:

www.tagesschau.de/inland/max-mannheimer-tot-101.html

www.sueddeutsche.de/bayern/bad-aibling-es-entsteht-der-eindruck-dass-man-die-erinnerungskultur-weit-wegschieben-will-1.3360946

www.bad-aibling.de/fileadmin/redakteur_buergerservice/Bilder/Aktuelles/2017_-_Presseerkl%C3%A4rung_Max_Mannheimer.pdf

www.br.de/mediathek/video/sendungen/aben

dschau-der-sueden/bad-aibling-max-mannheimer-strasse-100.html#&time

www.spiegel.de/einestages/auschwitz-holocaust-ueberlebender-max-mannheimer-erinnert-sich-a-1015193.html

(zuletzt aufgerufen am 26.03.17)

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