Verstehen, wie die Welt funktioniert – drei große ökonomische Ideen

Ich werde ja sehr häufig dafür kritisiert, zu gerne und zu ausschweifend über die Wirtschaftswissenschaft (der Singular ist hier durchaus angemessen – die BWL fällt nicht darunter) zu reden. Das wird sich im Folgenden nicht ändern. Vielleicht sollte nach mir jemand einen Artikel verfassen, der sich darüber aufregt, wie abgehoben und akademisch die Sozialdemokratie ist. Vielleicht trägt der folgende Artikel aber auch dazu bei, dass mich ein paar Leute – sei es inhaltlich oder zumindest hinsichtlich meiner Leidenschaft für die Wirtschaftswissenschaft – besser nachvollziehen können. Jedenfalls geht es jetzt um volkswirtschaftliche Theorie – also aufgepasst.

Das im letzten Jahrzehnt gezeichnete Bild der Wirtschaftswissenschaft ist alles andre als ein positives. Zu mathematisch, zu annahmenlastig, zu sehr vereinfachend, zu weltfremd, zu oft schlicht falsch. Es gibt zahlreiche Publikationen aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaft, die mehrere dieser Eigenschaften auf sich vereinen. Gleichzeitig haben es die Ökonom*innen auch nicht gerade einfach: Im Gegensatz zur Biologie glaubt die Öffentlichkeit von Wirtschaft eine Ahnung zu haben. Im Gegensatz zur Physik denken die Forschungsgegenstände der Wirtschaftswissenschaft. Und im Gegensatz zur Chemie kann eben keine Stabilität über die Zeit angenommen werden. Aus all diesen Faktoren ergeben sich eine Reihe von Unsicherheiten bei der Prognose, die der Volkswirtschaft gerne dann vorgeworfen werden, wenn es zu einer Krise kommt, die sie nicht vorher gesehen hat, wie 2008. Nun ist es aber nicht die Aufgabe der Volkswirtschaft, Krisen vorher zu sehen, sondern sie zu verstehen – ebenso wie es die Aufgabe der Medizin ist, Krankheiten zu verstehen, statt deren Ausbruch zu prognostizieren. Und genau die Leistungen hinsichtlich des Verstehens, wie die Welt eben funktioniert, werden zu häufig unter den Teppich gekehrt. Unter Umständen hätte jedoch so manche Krise verhindert werden können, wenn man sich die theoretischen Ideen der Volkswirt*innen etwas stärker ins Gedächtnis gerufen hätte.
In meinem Beitrag möchte ich heute drei der wirklich großen Ideen der Ökonomie vorstellen und deren Relevanz für die Praxis erläutern. Darauf gebracht hat mich ein Artikel des Economist, den ich irgendwann im Sommer mal abgespeichert habe und vor ein paar Tagen zufällig gefunden habe (den Link findet ihr unten). Angefangen vom Nash-Gleichgewicht, welches ineffizientes Verhalten innerhalb der EU erklärt, über den Multiplikatoreffekt von Keynes und dessen Bedeutung für die Griechenlandrettung bis hin zum Trilemma von Mundell und Fleming und die daraus folgenden Probleme beim Euro-Austritt bietet die volkswirtschaftliche Theorie ein Repertoire an großen Ideen, welche einerseits einleuchtend erscheinen und manchmal geradezu trivial daher kommen, andererseits aber bei rigoroser Anwendung großartige Einblicke über das Funktionieren der Welt erlauben.

Das Nash-Gleichgewicht – oder: Wieso Solidarität häufig besser ist als Egoismus

Spätestens seit dem Film „A Beautiful Mind“ haben die meisten Leute den Namen John Nash bereits gehört, und wissen, dass er irgendetwas mit Mathematik zu tun hat. In seiner Dissertation, die lediglich ein paar Seiten zählte, erarbeitete er ein Konzept, das den Grundbaustein der Spieltheorie bildet und später als Nash-Gleichgewicht bekannt wurde. Jenes Nash-Gleichgewicht beschreibt einen Zustand, in der jeder Akteur und jede Akteurin sich gegeben der Erwartungen, wie sich alle anderen Spieler verhalten werden, rational verhält. Im Gleichgewicht ergibt sich dann eine Situation, in der niemand einen Anreiz hat, von seinem Verhalten abzuweichen. Nash zeigte damals, dass für jedes endliche Spiel mit endlichen Spielern und endlichen Möglichkeiten mindestens ein solches Nash-Gleichgewicht existiert. Dieses abstrakte Konzept liefert jedoch großartige Einblicke auf das Funktionieren – oder eben das Nicht-Funktionieren – der europäischen Steuerpolitik.
In einem Europa, in dem zwar Freizügigkeit herrscht und großteils eine gemeinsame Währung vorliegt, jedoch keine gemeinsame Steuerpolitik, ergeben sich Anreize, die letzten Endes zu Ineffizienzen führen. Nehmen wir eine stark vereinfachte Welt an, in der lediglich eine Gewinnbesteuerung existiert, welche in allen Staaten der EU auf 20% festgeschrieben wurde. Da nun einzelne Staaten individuell ihre Steuern anpassen können, und da Unternehmen innerhalb Europas quasi grenzenlose Freiheit genießen, haben einzelne Staaten nun maximalen Anreiz, ihre Steuern minimal zu senken, um Unternehmen in ihr Land zu holen und damit Mehreinnahmen zu generieren. Die beste Antwort der anderen Staaten hierauf ist ebenfalls eine geringfügige Steuersenkung, welche wiederum mit Steuersenkung beantwortet wird. Der Kampf um die Unternehmensstandorte führt zu einem gegenseitigen Unterbieten der Gewinnbesteuerung und damit letztlich zu einer Minimierung der Steuerlast für die Unternehmen – und damit auch zu einer Minimierung des Steueraufkommens für die Staaten. Die kürzlich medial präsenten Steuergepflogenheiten von Irland sind das beste Beispiel für einen Staatenbund, in dem Steuersenkung stets die beste Antwort zu sein scheint. Gleichzeitig führt genau dieses egoistische Verhalten der Staaten letztlich zur Minimierung des Gesamtsteueraufkommens und schadet damit den Staaten selbst. In einer perfekten Welt würden politische Akteure dieses Spiel voraus sehen und sich zur Koordinierung entscheiden – jedoch sind Legislaturperioden begrenzt und Unternehmensbewegungen träge, sodass die kurzfristige „best response“ der Steuersenkung gegen das langfristige Optimum der Koordination gewinnt.
Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist, sich hinsichtlich der Besteuerung von Unternehmen zu koordinieren und somit das europäische Gesamtsteueraufkommen zu maximieren. Selbstverständlich muss dies dann auch mit einem Länderfinanzausgleich einher gehen – alleine schon um Seehofer zum Kochen zu bringen. Auch bedeutet das nicht, dass in ganz Europa die gleichen Steuersätze festgeschrieben werden. Es müsste aber bedeuten, dass die gleichen Steuertypen erhoben werden und die entsprechende Höhe an nationale Standortfaktoren wie Infrastruktur, Bildung oder Ähnliches festgeschrieben wird. Ansonsten ist die europäische Freizügigkeit nicht nur der Traum jedes größeren Unternehmens, sondern gleichzeitig auch der Albtraum einer jeden sozialen Marktwirtschaft.

Keynes’ Multiplikatoreffekt: Was in Griechenland vergessen wurde

Obwohl John M. Keynes in der Zeit zwischen Beginn des ersten Weltkriegs und bis in die 60er als einer der bedeutendsten, wenn nicht gar der bedeutendste, Ökonom galt, wurde die von ihm begründete Lehre des Keynesianismus in den 70ern vom aufkommenden Neoliberalismus verdrängt und es bedurfte erst der Weltfinanzkrise, um seine Ideen wieder in die Öffentlichkeit zu rufen. Zentral war bei Keynes stets die These, dass bei Ökonomien unterhalb der Vollbeschäftigung stets die Nachfrage – anstelle des Angebots – die treibende Kraft der Wirtschaft sei. Der daraus abgeleitete Multiplikatoreffekt lässt sich folgendermaßen beschreiben: Die Abgabe einer gewissen Summe an Haushalte führt dazu, dass jene Haushalte einen gewissen Teil davon zusätzlich konsumieren. Dieser Nachfrageanstieg erhöht das Angebot der Unternehmen und damit deren Nachfrage nach Arbeit. Das erhöht die Beschäftigung wie die Löhne, was erneut Einkommen generiert. So beginnt der Kreis erneut. Die Folge daraus ist, dass ein zusätzlicher Euro bei den Haushalten mehr Effekte mit sich bringt als den bloßen Konsum durch eben jenes zusätzliche Einkommen. 
Diese Theorie geriet im Großen und Ganzen durch zwei andere, eng verwobene Thesen in Verruf: Friedman’s Angebotsorientierung sowie die Theorie des permanenten Einkommens. Erstere begründete den Monetarismus und besagt, dass alleine die Geldmengensteuerung genüge, um die Angebote der Unternehmen zu steuern und damit die Wirtschaft zu führen. Letztere hingegen fügt hinzu, dass Haushalte ihren Konsum eben nicht an kurzfristigen Transfers ausrichten, sondern sich an den Erwartungen über ihr Lebenseinkommen orientieren, sodass zusätzliche Konsumeffekte aus einem weiteren Euro heute eher gering sein dürften.
Wie falsch Friedman lag, zeigt sich in der gegenwärtigen europäischen Situation. Hätte er Recht behalten, so müsste das Wirtschaftswachstum infolge der Niedrigzinspolitik der EZB förmlich explodiert sein. Hinsichtlich der Theorie des permanenten Einkommens hat sich mittlerweile eine differenziertere Sichtweise gebildet, welche die Wirkung in Abhängigkeit vom gegenwärtigen Einkommen betrachtet. So stimuliert nach dieser Schule ein Euro bei einkommensschwachen Haushalten die Wirtschaft deutlich stärker, als der selbe Euro es auf dem Konto einer Person mit sechsstelligem Einkommen täte. Für die europäische Praxis ist die Unterscheidung zwischen Keynes und der permanenten Einkommenstheorie jedoch unerheblich, da die Sparpolitik in erster Linie die einkommensschwachen Haushalte trifft, während sie die gut situierten Haushalte unberührt lässt.
Besonders am Beispiel Griechenlands lässt sich absehen, welche Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden und weshalb Keynes kein schlechter Ratgeber gewesen wäre. Als der IMF 2013 seine Bilanz der Griechenlandrettung vorlegte, zeichnete diese ein dramatisches Bild: Weit größerer wirtschaftlicher Schaden war durch die Intervention verursacht worden, als man damit Rettung betrieben hatte. Der Hauptgrund hierin war, dass man den Multiplikatoreffekt massiv unterschätzt hatte. Während man Garantien für Schulden gab und den Staat mit begrenzter Liquidität versorgte, schrieb man ihm zugleich vor, wofür er das Geld auszugeben habe – vor allem aber wofür eben kein bzw. weniger Geld ausgegeben werden sollte. Die Sparmaßnahmen betrafen in erster Linie Rentner*innen, Arbeitslose, Geringqualifizierte und Jugendliche in Ausbildung. Diese Gruppe ist im Übrigen nahezu perfekt identisch mit eben jener Gruppe aus der permanenten Einkommenstheorie, bei der Multiplikatoreffekte noch am ehesten zu erwarten sind. Und genau der negative Multiplikatoreffekt, den auch Keynes vorhergesehen hatte, trat ein: Durch das Wegfallen der Transfers an genau jene, die eben nicht sparten, sondern jeden Euro vorher konsumiert hatten, brach exakt dieser Konsum weg. Damit brach deren Nachfrage zusammen, die Unternehmen waren zum Arbeitsabbau gezwungen und die Arbeitslosigkeit stieg an. Durch den Arbeitslosigkeitsanstieg vergrößerte sich der einkommensschwache Sektor, und das Spiel begann von vorne.
Mögliche Auswege wären ein Schuldenschnitt, die Kollektivierung der europäischen Schulden oder Eurobonds gewesen. Vor den Effekten, die den IMF derart überraschten, hatten eine Vielzahl von Ökonomen, allen voran die beiden Nobelpreisträger Krugman und Stiglitz, gewarnt.

Das Mundell-Fleming-Trilemma: Wieso der Euro-Austritt kein wirklicher Austritt sein kann

Die letzte hier skizzierte Idee ist wahrscheinlich jene, die der geneigten Leserin oder dem geneigten Leser am naheliegendsten erscheinen wird: Das Mundell-Feming-Trilemma. Jenes Trilemma besagt schlicht und ergreifend, dass immer nur zwei der drei folgenden Ziele möglich sind: Freie Kapitalmobilität, Wechselkursstabilität, geldpolitische Autonomie.
Ein Land, das freie Kapitalflüsse gewährleistet und seinen Wechselkurs fixiert, kann keine höheren Zinsen festsetzen als seine Handelspartnerin. Handelt der Staat dennoch so, so fließt Kapital ins Inland. Der Wechselkurs bricht zusammen. Unterbindet er hingegen den Kapitalfluss, so ist die freie Kapitalmobilität dahin. An diesem Problem zerbrach auch das System von Bretton Woods
Würde man hingegen die Wechselkurse fixieren und souveräne Geldpolitik anstreben, so wären die freie Kapitalmobilität dahin. Bei Öffnung der Kapitalflüsse und niedrigerer Zinsen würde sofort Kapital abfließen. Der Wechselkurs oder die Zinsen müssten entsprechend anpassen.
Bei Gewährleistung der Kapitalmobilität und geldpolitischer Autonomie müssten Wechselkurse hingegen frei schwanken. Würden diese letztlich festgeschrieben werden, so würde bei der geringsten Zinsänderung sofort Kapital zu- oder abfließen, was erneut den Wechselkurs oder die Zinsen oder die Kapitalmobilität sprengen müsste.
Üblicherweise lassen reichere Länder freie Kapitalmobilität zu. Entsprechend reduziert sich das Trilemma auf die Entscheidung zwischen Wechselkursmanagement und geldpolitischer Autonomie. Während die USA ihren Wechselkurs zum Euro frei schwanken lässt und die FED dafür die geldpolitische Autonomie behält, gaben Deutschland, Frankreich, Österreich und Co ihre geldpolitische Autonomie ab und fixierten dafür den Wechselkurs – die Europäische Währungsunion war geboren. Nun ist dieses Trilemma für sich keine große Erkenntnis. In einer Zeit jedoch, in der der Austritt aus dem Euro propagiert wird, und in der sich Leute wie Hans W. Sinn an das Mikro stellen und sagen, Griechenland müsste zurück zur Drachme, sollte man sich daran erinnern, dass die Währung alleine nichts aber auch gar nichts mit der Lösung dieses Trilemmas zu tun hat. Selbst bei einem Bail-Out eines Euro-Staates stünde dieser vor der Wahl, ob er entweder seine Wechselkurse frei schwanken ließe, was Chaos für die nationale Ökonomie bedeutete, sofern sie ausreichend klein ist (Argentinien ist das Paradebeispiel hierfür) oder die geldpolitische Autonomie aufgeben und sich an den Euro ketten würde, was nichts an der Situation des Staats zur Situation vor dem Euro-Austritt verändern würde. Die Zeit vor der Einführung des Euros hob sich lediglich dahingehend von der aktuellen Zeit ab, dass die Geldpolitik nicht von der EZB, sondern von der deutschen Bundesbank gemacht wurde.

Wie wir also sehen, lassen sich Teile unserer Welt mit dem Wissen über die großen Ideen mancher Ökonom*innen besser verstehen. Und das schadet glaube ich nicht, wenn man gedenkt, sie zu verändern.

 


Hier der Link zum Economist-Artikel:
http://www.economist.com/sites/default/files/econbriefs.pdf

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