Das deutsche Nachwuchsproblem.

Am 31. Januar 2015 erreichte mich eine Nachricht, die ein sehr seltsames Gefühl hinterließ: Richard von Weizsäcker ist im Alter von 94 Jahren gestorben . Am 19. August 2015: Egon Bahr ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Und wieder dieses seltsame Gefühl. Drei Monate später, der 10. November: Helmut Schmidt, der große und unkaputtbare Helmut Schmidt starb im Alter von 96 Jahren. Das Gefühl war wieder da, stärker als zuvor.
Dieses Jahr ging nicht anders los. Am 31. März stirbt Hans-Dietrich Genscher im Alter von 89 Jahren. Und letzte Woche, am 7. Dezember, verlässt uns auch Hildegard Hamm-Brücher im Alter von 95 Jahren.

Was diese Personen gemeinsam haben? Nun, sie sind alle erstaunlich alt geworden, dafür, dass sie den Zweiten Weltkrieg und alles drum herum miterlebt haben. Was ihr Geheimnis für ein langes Leben war, werden wir jetzt wohl nicht mehr erfahren. Gut, außer natürlich das des Genossen Schmidt, denn was ihn so lange am Leben gehalten hat, wissen wir alle: Reyno- Mentholzigaretten. Aus jugendschutzrechtlichen Gründen möchte ich übrigens darauf hinweisen, dass das nicht für jede*n die am besten geeignete Methode ist, um so alt zu werden.

Was diese Persönlichkeiten, ganz subjektiv gesehen, außer ihrem hohen Alter gemeinsam haben, ist vor allem, dass ich sie alle sehr bewundert habe. Für ihre Lebensleistungen, ihr Engagement, ihre Kämpfe für mehr Demokratie, mehr Frauenrechte, mehr Freiheit und mehr Frieden. Und manchmal eben auch nur dafür, dass sie aus Prinzip nicht in Talkshows auftraten, in denen sie nicht rauchen durften – sie aber so wichtig waren, dass die Sender es trotz Rauchverbots erlaubten. Schon als ich noch relativ jung war, freute ich mich, wenn sich eine*r von ihnen zu aktuellen Ereignissen äußerte, denn ich hatte das Gefühl, dass diese Menschen mit ihrer Lebens- und Berufserfahrung auf jeden Fall Ahnung haben müssten. Frei nach dem Motto „die Jungen rennen schneller, aber die Alten kennen die Abkürzungen“ versuchte ich, möglichst viele dieser Abkürzungen von ihnen zu erlernen, und orientierte mich vor allem was meine moralischen Ansprüche an mich selbst anging an ihnen. Diese großen Persönlichkeiten, die so viel erlebt und so viel selbst geprägt haben, erschienen mir immer als Leuchttürme in unseren stürmischen und immer schnelllebigeren Zeiten. Nun sind sie tot, und ein Teil von mir fühlt sich ziemlich im Stich gelassen.

Was ein Schmidt oder eine Hamm-Brücher unserer Generation voraus hatten, war ein einzigartiges und aus den Erlebnissen des Zweiten Weltkriegs resultierendes Verständnis von Demokratie und Freiheit, das unserer Generation, die wir in diese Strukturen hineingeboren wurden, immer fremder wird. Zwischen Big Data und Filterblase scheint oft nicht mehr viel Platz zu sein für Solidarität und Gerechtigkeit.

Die Entwicklungen in pseudo-sozialen Netzwerken, gerade was Fake News und die Wahrnehmung der Realität angeht, machen mir oft Angst. Diese großen Demokrat*innen gaben mir in solchen Momenten Halt. Einfach mal die ZEIT aufschlagen, und Helmut und Giovanni bei einer Zigarette begleiten (so hieß die Kolumne. Ich möchte wirklich nicht den Konsum von Zigaretten glorifizieren!), Hans-Dietrichs Meinung zu Gewalt in Flüchtingsheimen lesen oder Hildegards Lebenslauf durchgehen und darüber nachdenken, was diese Frau alles für zukünftige Frauen in der Politik geleistet hat. Schon sah die Welt wieder ein bisschen anders aus.

Nun hat außergewöhnlich viel Lebenserfahrung nun mal meistens die Angewohnheit, mit einem hohen Alter einherzugehen. Das ist auch in Ordnung, und eben der Lauf der Zeit. Was mir jedoch Sorgen bereitet, ist der Nachwuchs: Wer soll zukünftig ein Leuchtturm in stürmischen Zeiten sein? Mir fallen nur wenige Namen ein, die demnächst in das Alter kommen, um als „elder states(wo)man“ bezeichnet zu werden.
Gehen wir deshalb mal die Liste an Menschen durch, die sich durch ähnliche Funktionen prinzipiell dafür qualifiziert hätten. Horst Köhler könnte eine solche Stimme sein, jedoch äußert er sich seit seinem Rücktritt als Bundespräsident kaum noch in der Öffentlichkeit, genauso wie Johannes Rau. Roman Herzog fiel nach seiner Amtszeit vor allem durch seine Kritik an der Fünf-Prozent-Hürde und der Kompetenzabgabe des deutschen Staates an die EU auf. Auf der Leuchtturmskala ist das maximal eine 4 von 10 Punkten (und für mich persönlich inhaltlich eine glatte Null. Glückwunsch.). Christian Wulff hat sich durch die Skandale seiner Amtszeit vermutlich selbst ins Aus geschossen, ist aber noch so jung, dass er vielleicht noch etwas reißt. Die Autorität seines Amtes pusht ihn auf der Skala jedoch nicht.
Bei den Bundeskanzlern A.D. sieht es nicht besser aus: Helmut Kohl ist seit Jahren schwer krank und hat sich, verständlicherweise, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Gerhard Schröder hat sich durch die Agenda 2010 nicht allzu beliebt gemacht, genauso wenig durch seine Arbeit für Gazprom. Ein bisschen Hoffnung setze ich immer noch in Angela Merkel. Spätestens 2021 ist mit ihrem Rückzug aus der Politik zu rechnen, und auch wenn sie heute schon nicht dafür bekannt ist, mitreißende Reden zu schwingen oder sich außergewöhnlich viel in der Öffentlichkeit zu äußern, habe ich trotzdem noch die Hoffnung, dass sich das später vielleicht ändert.
Ein weiterer Name, der mir einfällt, ist natürlich Joschka Fischer – womit wir bei ehemaligen Außenministern angelangt sind. Ihm begegne ich häufiger in Fachzeitschriften der Internationalen Politik, genauso wie in Interviews, in denen er sich zur Tagespolitik äußert. Er ist kompetent und informiert und sagt meistens ziemlich schlaue Sachen. Dass er die Agenda 2010 mitgetragen hat, ist aber eine Tatsache, die es mir schwer macht, ihn als elder statesman zu bezeichnen.
Dann wäre da noch Frank-Walter Steinmeier, mein persönlicher Favorit im Nachwuchskader. Ein großartiger Diplomat, der sich diesen Namen wohl verdienen könnte. Seine größte Herausforderung steht ihm jedoch noch bevor: das Amt des Bundespräsidenten mit Würde auszuüben. Ich persönlich traue ihm das zu, aber wie uns die letzten Jahre gezeigt haben, wissen wir nie was morgen kommt. Also abwarten.

Diese Liste ist natürlich unvollständig wie die Spielesammlung eurer Großeltern – es fehlen jede Menge Figuren. Selbstverständlich gibt es auch außerhalb der Politik große Persönlichkeiten. Da ist zum Beispiel Kapitän Schwandt mit seiner Kolumne und seinem grandiosen Facebookauftritt (an dieser Stelle möchte ich gerne sagen: Gute Besserung und werde bitte schnell wieder gesund. Wir brauchen dich!), genauso wie viele Köpfe aus Literatur und Kultur jede Menge zu sagen haben. Das würde dann aber doch den Rahmen dieses Blogbeitrags sprengen. Ich bin für alle weiteren Vorschläge offen, solange es mir ein bisschen Hoffnung gibt.

Ich hoffe sehr, dass auch zukünftige Generationen in den Genuss von ziemlich schlauen Leuten mit ziemlich beeindruckenden Lebensläufen kommen und profitieren können. Und wenn gar nichts mehr hilft, müssen wir wohl selbst daran arbeiten, dorthin zu kommen.

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