Schleierhafte Freiheit

Vergangenes Jahr war ich eine Woche lang in der Türkei. Fast jeden Tag war auch ein junges Pärchen am Strand. Er in Badehose. Sie in einem Ganzkörperbadeanzug, einem sogenannten Burkini, der nur das Gesicht, die Hände und Füße frei lässt. Mein erster Gedanke war, ob diese Frau sich freiwillig in viel schwarzen Stoff hüllt, wenn sie zum Baden an den Strand geht und, ob das nicht furchtbar unangenehm sein muss bei 30 Grad im Schatten. Und natürlich empfand ich es als furchtbar ungerecht, dass ihr Partner mit locker sitzender Badehose daneben die Brise auf seiner Haut genießt.

Ähnliche Gedanken kommen wohl bei vielen hoch, die in den letzten Tagen die mehr oder weniger sinnigen und qualifizierten Diskussionen um das Burka-Verbot verfolgt haben. Egal in welchem Kreis das Thema zur Sprache kommt, es ist immer jemand dabei, der sich für das Recht und die Freiheit der verschleierten Frauen einsetzt. Meistens geht es darum, dass Muslimas die Vollverschleierung nicht freiwillig tragen und von ihren Ehemännern und Familien dazu gezwungen werden. Dem möchte ich auch gar nicht in allen Fällen widersprechen. Ganz ohne Zweifel kann die Burka, oder auch der Niqab, welche beide, im Gegensatz zu einem einfachen Kopftuch, Gesicht und Körper verdecken, und höchstens die Augen aussparen, als Mittel der Unterdrückung gesehen werden. Diese Frauen sind von der Welt, in der sie sich bewegen, größtenteils isoliert. Es steht außer Frage, dass an eine normale Teilnahme am gesellschaftlichen Leben nicht zu denken ist. Der Gesichtsschleier verhindert sogar das Essen und Trinken in der Öffentlichkeit.

Quelle: dpa

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Doch geht es in dieser öffentlichen Debatte und bei dem Verbot das Gesicht in der Öffentlichkeit zu verbergen wirklich um die Freiheit und Selbstbestimmung muslimischer Frauen? Sicherlich nicht. Vielmehr wird der Eindruck vermittelt, es gehe um die Befindlichkeiten von einigen, die sich durch den für sie befremdlichen Anblick gestört fühlen. Absurd scheint auch der vermeintliche Zusammenhang von verschleierten Frauen mit terroristischen Attentaten, welchen sich die Innenminister der Union zusammengebastelt haben. Wer allen Ernstes befürchtet, dass unter jedem Schleier Waffen und Sprengsätze versteckt sein könnten, soll sich nur mal an die weiten Röcke eines Dirndls erinnern und sich ab sofort von jedem Volksfest fernhalten. Und auch das Argument, dass Integration nur ohne Burka und Niqab möglich sei, erscheint mir mehr als fragwürdig. Denn für betroffene Frauen, welche von ihrer Verschleierung überzeugt sind (obwohl weder Burka, noch Niqab im Koran explizit gefordert werden), hätte das Verbot vermutlich nur die Folge, dass sie ihre Wohnung so gut wie nicht mehr verlassen würde, wodurch eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und eine damit einhergehende Integration logischerweise nun wirklich unmöglich gemacht werden würde.

Natürlich kann und möchte ich einer Verschleierung, welche Frauen das Gesicht und somit auch einen Teil ihrer Persönlichkeit nimmt, nicht zustimmen, da sich hinter diesem Stück Stoff kein religiöses, sondern ein politisches Symbol verbirgt. Nur sollte die Diskussion um eine mögliche Lösung aus den richtigen Gründen geführt werden. Und in einer Sache möchte ich der Journalistin Mely Kiyak nur zustimmen: Vielleicht sollte man einfach mal die muslimische Frau fragen, was sie will.

Fakten zum Thema:

  • In der „Berliner Erklärung“ fordern CDU und CSU ein Verschleierungsverbot im öffentlichen Dienst, an Universitäten, Schulen, Kitas und vor Gericht.
  • Zur Verschleierung gibt es bereits Regelungen, wie z.B. das Verbot einer Vollverschleierung, wenn diese die Verkehrssicherheit einschränke.
  • Das oberste französische Verwaltungsgericht hat das in einigen Gemeinden geltende Burkini-Verbot wieder außer Kraft gesetzt.

Quellen:

www.welt.de/politik/deutschland/article157600039/Burka-Verbot-Doppelpass-Verbot-SPD-attackiert-Union.html

www.spiegel.de/politik/deutschland/burka-verbot-warum-die-union-die-rechte-flanke-absichert-a-1108571.html

www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/debatte-um-burkaverbot-handelt-kaum-von-betroffen-frauen-14402638.html

www.zeit.de/kultur/2016-08/burkaverbot-minderheiten-deutschland-abgrenzung-kiyaks-deutschstunde

www.aliceschwarzer.de/artikel/die-burka-verstoesst-gegen-das-grundgesetz-333243

www.tagesspiegel.de/politik/berliner-erklaerung-innenminister-der-union-wollen-burka-verbot-light/14428120.html

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