Die Illusion der Chancengleichheit

Die erste Semesterwoche hat begonnen. Zahlreiche Studierende strömen in die Universität, viele von ihnen zum ersten Mal. Hier sammeln sich Menschen aller Hautfarben, Herkunft und politischer Überzeugungen. Für viele ist es ein Neuanfang, ein Start in ein neues Leben – weg von zuhause, neue Freund*innen, viele Chancen und der Weg ins „echte Leben“. Mit diesem Neuanfang sind Hoffnungen und Träume verbunden, aber auch Ängste. Alle haben dieselben Grundvoraussetzungen – das für die Bachelorarbeit oder das Examen benötigte Wissen wird sich in den kommenden Semestern angeeignet. Zumindest scheint es so.

Aber nicht alle Studierenden haben die gleichen Grundvoraussetzungen.  Manche kommen aus akademischen Haushalten, Förderung von klein auf, sowohl finanzieller, als auch ideeller Art. Zuspruch und Lob, wenn man gute Noten mit nach Hause bringt, Klavier- oder Bratschenunterricht nach der Schule und Eltern, die sich die Zeit nehmen mit ihren Kindern zu lernen.

Manche Studierende kommen aus Familien, in denen die Eltern viel arbeiten, in denen es keine Zeit gibt, abends bei den Hausaufgaben zu helfen und vielleicht auch kein Geld für außerschulische Förderung. Studierende aus solchen Familien haben im Gegensatz zu viel geförderten Studierenden einen erschwerten Start.

Es gibt auch Studierende aus sogenannten „bildungsfernen Schichten“. Familien, in denen auf Bildung keinen oder wenig Wert gelegt wird. Das kann aus verschiedensten Gründen geschehen. Beispielsweise, weil auch die Eltern wenig Bildung genossen haben und diese nicht wertschätzen oder aber auch aus religiösen Gründen. Für Kinder und Jugendliche aus solchen Haushalten sind nicht nur die Bedingungen in der Schule erschwert. Auch die Motivation aufzubringen und den Wunsch zu entwickeln überhaupt ein Studium in Betracht zu ziehen sind nicht so oft gegeben.

Selbstverständlich sind die aufgeführten Beispiele überspitzt und pauschalisiert. Es gibt auch akademische Haushalte, in denen Kinder nicht gefördert und gar vernachlässigt werden und Eltern aus „bildungsfernen Schichten“, die ihr Kind antreiben und ihm oder ihr alle mögliche Unterstützung geben.

Die vielgepriesene Chancengleichheit existiert so noch nicht. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, auch von staatlicher Seite, um diese soweit es geht herzustellen. Kinder müssen bereits ab dem Kindergarten die Möglichkeit haben, gefördert zu werden – hiermit ist nicht gemeint, dass Kinder bereits mit drei Jahren 10 Fremdsprachen fließend können sollten, sondern dass vom betreuenden Personal aufmerksam beobachtet werden muss, welche Kinder Förderbedarf haben und diese Förderung auch zu ermöglichen. Die schon lang gepriesene und immernoch nicht richtig ausgebaute Ausweitung der Kita-Plätze und des damit einhergehenden Personals ist mehr als überfällig. Diese Förderung muss sich auch durch die Schulen ziehen – es kann nicht sein, dass ein Kind seine Defizite überwinden kann, weil die Eltern genug Geld haben und ein anderes nicht.

Durch den generellen Trend zu studieren, werden laut ZEIT immer mehr Arbeiten, die früher von Facharbeiter*innen gemacht wurden, heute von studiertem Personal erledigt. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass Unternehmen eher jemand studiertes einstellen, als jemand, der eine Ausbildung absolviert hat. Dieser Trend bringt junge Menschen in Zugzwang – wer etwas werden will, muss studieren. Auch hier ist es Aufgabe des Staates, Ausbildungsberufe weiter zu stärken und zu helfen, diese wieder attraktiver zu gestalten. Auch Ausbildungsberufe müssen sich lohnen können.

Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis alle neuen Studierenden mit gleichen Grundvoraussetzungen in das Semester starten können. Aber es gibt bereits bestehende Ansätze, die weiter verfolgt werden müssen. Wenn wir aber aufhören uns für eine Chancengleichheit einzusetzen, dann wird es immer ein Traum oder eine Illusion bleiben.

 

Quellen:

http://www.zeit.de/karriere/beruf/2014-02/infografi-zahl-studienanfaenger-ausbildunganfaenger

 

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