Die Sondierungen sind gescheitert.

Diese Nachricht hätten sich wohl viele Jusos, Basis-Mitglieder und SPD-Wähler*innen heute Morgen gewünscht. Stattdessen: Ciao Bürger*innenversicherung, hallo Obergrenze!

Nach fünftägigen Sondierungsgesprächen zwischen Union und SPD steht fest: Die Parteispitze möchte eine erneute Große Koalition. Von der angekündigten Ergebnisoffenheit auf Seiten der SPD keine Spur mehr, kein Wort, keine Erklärung dazu. Diese war zwar mal Bedingung für die Gespräche, und für viele Parteitagsdelegierte der Grund, den Gesprächen überhaupt zuzustimmen, aber was interessiert den Parteivorstand schon sein Geschwätz von gestern. Die von vielen favorisierte Minderheitsregierung – möglicherweise sogar toleriert durch die SPD – scheiterte anscheinend bereits vorher daran, dass Angela Merkel keinen Bock darauf hatte, sich aktiv Mehrheiten suchen zu müssen. (Hätte ich an ihrer Stelle zwar natürlich auch nicht, wenn ich derart ideen-, fantasie- und visionslos wäre, aber wenigstens hätte ich den Anstand, es nicht derart raushängen zu lassen.)

Vor der Verkündung der Ergebnisse waren sich die meisten Berichterstattenden einig, dass es vermutlich so laufen würde, wie beim letzten Mal: Die Union könne durchregieren, müsse aber ein paar große sozialdemokratische Projekte mittragen, wie damals beispielsweise den Mindestlohn. Seltsamerweise kam es anders. Das Ergebnispapier der Sondierungen zeigt zwar, dass Angela Merkel vergleichsweise stressfrei durchregieren könnte, und insbesondere die CSU einige ihrer Herzensprojekte im Falle einer Koalition durchsetzen dürfte, doch ein sozialdemokratischer Meilenstein ist nicht zu finden. Nicht einmal die Bürger*innenversicherung, die für viele als unverzichtbar galt, hat es in die Sondierungsergebnisse geschafft. Stattdessen eine Obergrenze von maximal 180 000- 220 000 Menschen, die pro Jahr nach Deutschland zuwandern dürfen (ausgenommen Asylsuchende und Geflüchtete, die unter die Genfer Flüchtlingskonvention fallen). Der Parteivorstand weigert sich in Teilen, das als Obergrenze zu bezeichnen. Diese Ansicht darf mir gerne erklärt werden.
Desweiteren soll Frontex zu einer „echten Grenzschutzpolizei“ ausgebaut und bis dahin Binnengrenzkontrollen akzeptiert werden. Subsidiär Schutzbedürftige können sich auf weitere Monate des Bangens um Angehörige einstellen. Gerade einmal 1000 Familienangehörige dürfen pro Monat nachgeholt werden. Der Bereich Flucht und Migration ist also mit sozialdemokratischer Gesinnung schlicht nicht zu vereinbaren. Ich bin 2015 – auf dem „Höhepunkt der Flüchtlingskrise“ wie es manch eine*r melodramatisch nennt – in die SPD eingetreten, aus dem einzigen Grund, dass eine solidarische Herangehensweise der EU die Lösung aller imaginärer und realer Probleme wäre. Kurz darauf stimmte die SPD-Bundestagsfraktion dem Asylpaket II zu, und ich schämte mich zum ersten Mal für meine Impulsentscheidung. Diese Sondierungsergebnisse sind aus meiner Sicht aber um ein vielfaches schlimmer. Sie versuchen in vorauseilendem Gehorsam der AfD das Wasser abzugraben, obwohl es sich inzwischen so häufig bewiesen hat, dass jeder weitere politische Rechtsruck den rechten in die Karten spielt. Dass ausgerechnet die SPD, die sich doch (völlig zu Recht) so oft auf Otto Wels beruft, dabei mitmacht, sollte jedem*r Sozialdemokrat*in die Tränen in die Augen treiben. Hinzu kommt, dass die SPD vor lauter angeblicher „staatspolitischer Verantwortung“ (was auch immer das sein soll, außer „jo, SPD, könnt ihr uns aus der Scheiße helfen?“) der AfD die Oppositionsführerschaft im Deutschen Bundestag überlässt. Traditionellerweise entsendet die größte Oppositionspartei den*die Vorsitzende*n des Haushaltsausschusses des Bundestags und bringt in Debatten die erste Erwiderung. Es ist für mich völlig unverständlich, wie die SPD es zulassen kann, einem Haufen Rechtspopulist*innen, Rechtsradikaler und Nazis diese Machtoptionen auf dem Silbertablett zu servieren.

Aber zurück zu den inhaltlichen Kritikpunkten. Es ist natürlich – wie immer – nicht alles schlecht an dem Papier.  So hat es zum Beispiel die Mindestauszubildendenvergütung in die Ergebnisse geschafft, genauso wie das Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit. Wie – das kommt bekannt vor? Natürlich kommt es bekannt vor, schließlich stand dieses Recht schon im letzten Koalitionsvertrag, bis die Union mal wieder die Lust daran verlor, etwas für Frauen zu tun, und das Gesetz blockierte. Aber diesmal wird alles anders. Versprochen! Diesmal hält sich die Union an Absprachen. So wie an die Absprache, Stillschweigen zu wahren, die nicht einmal zwei Tage galt. Dann fand es Armin Laschet, NRWs Ministerpräsident, nämlich spannender, auf einer Veranstaltung schon mal ein bisschen was auszuplaudern. Eine äußerst vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre muss das also gewesen sein. Ich bin beeindruckt. Hinzu kommt der inhaltliche Aspekt, den Laschet da aus dem Nähkästchen plauderte: Die Klimaziele für 2020 seien nicht mehr zu halten. Und das keinen Monat, nachdem Martin Schulz auf dem SPD-Bundesparteitag den Klimaschutz zu einem Hauptanliegen der modernen Sozialdemokratie erklärte. (Angela Merkel bestärkte die Ziele übrigens kurz vor der Wahl ebenfalls – aber was das bedeutet, hat uns spätestens die Maut gezeigt.) Als großer Schritt für die Umwelt wurde stattdessen die Einschränkung des Einsatzes von Glyphosat gefeiert. Kommt bekannt vor? Natürlich kommt es bekannt vor, schließlich stimmte CSU-Minister Schmidt noch vor wenigen Wochen gegen eine Einschränkung dieses Mittels in der EU – entgegen Absprachen mit SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks. Aber diesmal wird alles anders. Versprochen!

Alles in allem kann von einer Erneuerung keine Rede sein. Ein offensichtlicheres „Weiter so“ ist kaum vorstellbar, egal was Martin Schulz und Angela Merkel uns einzureden versuchen. Grüße an dieser Stelle auch nochmal an Martin Schulz, der uns am Wahlabend mit seiner Zusage zur Opposition endlich auf bessere Zeiten hoffen ließ.
Mein Dank gilt allen Mitgliedern des Parteivorstands, die eine Empfehlung der Großen Koalition abgelehnt haben, wie auf bayrischer Seite Johanna Uekermann und Uli Grötsch. Für uns heißt es jetzt kämpfen: Für jede Nein-Stimme auf dem Parteitag am 21. Januar, gegen die Koalitionsverhandlungen, und notfalls für jede Nein-Stimme gegen die Große Koalition im Mitgliederentscheid.

 

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse, inklusive des ganzen Papiers als PDF, findest du hier.

Außerdem lohnt sich ein Blick in die Pressemitteilung der Jusos Bayern für mehr Infos.

Du willst uns im Kampf gegen die GroKo unterstützen? Hier kannst du beitreten und bei einem Mitgliederentscheid mit Nein stimmen.

In den sozialen Netzwerken Farbe bekennen? Kein Problem! Hier gibt es jede Menge Vorlagen für Facebook und Twitter.

Das war es also erst einmal wieder mit der Weihnachtszeit. Kaum durfte man das erste Türchen am Adventskalender öffnen, da stürzte man sich Samstagnachmittag ins Getümmel, um auch ja niemanden zu vergessen. Wenig später dann der fulminante Höhepunkt – die Weihnachtsfeiertage selbst. Sogar mal in die Kirche gehen (wie war das mit der Weihnachtsgeschickte, Nächstenliebe oder so?), Tante und Onkel einen Besuch abstatten, wenn es hochkommt „für die armen Menschen beten“ oder UNICEF/Brot für die Welt/Misereor ein kleines Sümmchen überweisen. Und schon ist das Spektakel für ein weiteres Jahr geschafft.

 

Aber was bleibt dann? Außer vielleicht einigen Kilos mehr, einem Haufen an Dingen, die man vielleicht brauchte aber – irgendwie auch nicht? Die Gewissheit, dass man die fernere Verwandtschaft und erst recht keine Kirche mehr von innen sieht bis zum nächsten Heiligen Abend? Ein Wall an Geschenkpapier und Altglas, den man lieber nicht in die Sammeltonne vor der Tür befördern sollte? Ne, echt, lasst es erst einmal (passt doch eh nichts mehr rein).

Aber genug, man möchte das Jahr doch nicht mit einer Schimpftirade auf das Weihnachtsfest, einem der wenigen besinnlichen Momente dieses turbulenten Jahres, beenden. Ich liebe Weihnachten. Ich liebe es, mit der Familie zusammen zu sein, einfach mal zur Ruhe kommen. Ich liebe es, mit Mama Plätzchen zu backen, meine alten Schulfreund:innen zu treffen und in Nostalgie zu schwelgen, laut und schief mit meinen Schwestern Weihnachtslieder zu singen. Und ich liebe es, dass wir uns vor Weihnachten Gedanken machen, womit man Anderen eine Freude bereiten könnte. Gerade diesen Geist der Weihnacht würde ich mir häufiger wünschen. Damit es ist also nicht bloß bei ein paar Pfennigen an UNICEF, einem heuchlerischen Stoßgebet oder einem Truthahn in Größe eines Kleinwagens bleibt. Es folgt meine ganz persönliche Neujahrswunschliste an unsere Gesellschaft:

Ich wünsche mir für 2018, dass wir wieder mehr Rücksicht aufeinander nehmen.
Gefangen im eigenen Kosmos und Stress vergessen wir doch allzu oft, auch einmal danke zu sagen. Nicht nur denen, die uns nahe stehen, aber auch jenen, die sich für unsere Gesellschaft aufopfern und denen wir tagtäglich begegnen, ohne weiter darüber nachzudenken. Das hier geht an die Ehrenamtlichen, die Supermarktkasse, die Feuerwehr, die Rettungssanitäter:innen und alle, die sich gerne angesprochen fühlen möchten.
Und warum nur spenden, um das eigene Gewissen zu erleichtern und nicht viel eher, um tatsächlich etwas Gutes zu tun? Kleine aber regelmäßige Spenden erleichtern gemeinnützigen Organisationen die Planung ihrer Arbeit. Oder einmal den freien Sonntag nutzen, um mit den Tieren im Tierheim zu spielen, in der Seniorenresidenz mit den alten Damen und Herren ins Gespräch zu kommen. Es wird unterschätzt, welche Bereicherung es mit sich bringt, von Zeitzeug:innen erzählt zu bekommen und wie viel Freude ein offenes Ohr, eine Partie Mensch ärgere Dich nicht, nur ein paar Stunden Aufmerksamkeit bringen kann. Ich würde mir auch wünschen, dass wir wieder mehr miteinander reden. Was für uns eine Viertelstunde am Telefon bedeutet, kann für Oma und Opa das Tages-Highlight sein. Und mal ganz ehrlich: es tut uns doch auch gut, ein bisschen Heimat aufzuschnappen.
Generell könnten wir versuchen, wieder mehr Zeit füreinander zu haben – ohne einen Bildschirm vor der Nase. Warum nicht nur mit der Clique ins Café um die Ecke, damit Instagram was zu sehen bekommt, sondern auch einmal die obdachlose Person, an der man jeden Tag vorbeieilt, auf einen Kaffee einladen, mit ihr ins Gespräch kommen? Wir sollten uns wieder mehr respektieren, Einzelschicksale erkunden, über den (Seitan-) Bratentellerrand hinausschauen, Mitgefühl zeigen, ohne zu bemitleiden, sondern gemeinsam daran arbeiten, uns auf einer menschlichen Ebene zu treffen.

Alles in allem wünsche ich mir, dass wir positiver an das neue Jahr herangehen, 2017 mit allen seinen Tiefpunkten hinter uns lassen und dem neuen Jahr eine Chance geben. Das schaffen wir aber nur gemeinsam. Den Weihnachtsmann hat Coca-Cola vielleicht erfunden, das Weihnachtsfest und seinen Ursprung aber nicht gepachtet. Lasst uns froh und tüchtig sein, damit wir uns beim nächsten Weihnachtsfest weniger gedankenlos das Geschenkpapier um die Ohren werfen.

Wenn Ihr weitere Ideen für Vorsätze dieser Art habt, Dinge, die man machen kann, um unsere Gesellschaft ein bisschen besser zu machen, kommentiert sie hier! Ich bin mir sicher, wir bekommen eine gute Liste zusammen.

Vor circa drei Monaten habe ich die Entscheidung getroffen, mich politisch zu engagieren und der SPD und den Jusos beizutreten. Viele haben mich gefragt, wieso ich diesen Schritt gegangen bin und was ich „da“ überhaupt will? Ausschlaggebend waren besonders die Erlebnisse und Erfahrungen, die ich im Rahmen meines Studiums der sozialen Arbeit und meines damit verbundenen Praktikums gemacht habe. Mein viertes Semester umfasste nämlich ein Praktikum im Bereich der Schulsozialarbeit an einer Mittelschule. Dort war ich unter anderem in der Betreuung tätig und zentrale Ansprechpartnerin für viele junge Menschen und deren Eltern. Im Laufe der Zeit wurde mir immer mehr bewusst unter welchem Druck viele der Kinder stehen und wie sich die gesellschaftlichen Ungleichheiten auf sie und ihr Leben auswirken. Beispielsweise haben viele der Jugendlichen kaum Motivation einen guten Schulabschluss zu erreichen, da ihnen vermittelt wird, dass man mit einem Mittelschulabschluss im Leben eh nichts erreichen kann. Die Kinder leiden sehr darunter, dass ihnen durch unser abstufendes Schulsystem vermittelt wird, sie wären schlechter als andere und in der untersten Stufe der Gesellschaft. Unser Bildungssystem bietet eben nicht die gleichen Chancen für jedes Kind, da Kinder, die sich dafür schämen müssen eine Mittelschule zu besuchen, für mich nicht die gleichen Chancen haben, wie Schüler:innen eines Gymnasiums. Sie haben durch ihren von der Gesellschaft als schlecht befundenen Mittelschulabschluss eben nicht die Möglichkeit sich ihren Beruf frei auszuwählen, wie es immer heißt.  Die meisten der Schüler:innen waren froh, dass sie überhaupt mit einem qualifizierenden Mittelschulabschluss für eine Ausbildung zugelassen wurden und das zeugt für mich nicht von einem auf Chancengleichheit beruhendem Bildungssystem. Genauso wenig wie die zahlreichen Formen von Förderschulen. Einige der Grundschulkinder in meinem Praktikum, welche zusätzliche Förderung benötigten, wurden schnell an die ortsnahe Förderschule übermittelt, da an der sogenannten Regelschule nicht die Kapazität bestand, dem Kind die benötigte Unterstützung zu geben. Die Lehrer:innen oder auch Pädagog:innen begründeten ihre Entscheidung immer gleich: Es ist besser für das Kind, wenn es speziell gefördert wird. Dieser Aussage kann ich auch nicht widersprechen, jedoch müssen sie dafür nicht getrennt von den anderen Kindern sein. Weiterhin führt diese Entscheidung oftmals dazu, dass das Kind womöglich nicht mehr die Möglichkeit hat überhaupt einen Schulabschluss zu erreichen, da über ¾ der Schüler:innen der Förderschule ohne Schulabschluss die Schule verlassen und somit in unserer Gesellschaft nur selten die Chancen haben sich einzubringen. Auch das hat für mich nichts mit Chancengleichheit zu tun und brachte mich immer mehr dazu etwas ändern zu wollen. Die Jusos fordern hier ein einheitliches Schulsystem für alle Schüler:innen, was meiner Meinung nach die aufgezählten Probleme verhindern kann.

Zudem begann ich je älter ich wurde immer mehr die Ungleichheiten zwischen Mann und Frau und die bestehenden Geschlechterzuschreibungen zu spüren. Noch immer verdienen Frauen weniger als Männern, noch immer sind fast ausschließlich Frauen in der durch den Kapitalismus stark vernachlässigten Care-Arbeit zuständig und noch immer werden Frauen sexualisiert und zu Objekten gemacht. Auch mein Berufsfeld, welches der Fürsorgearbeit angehört, wird verhältnismäßig schlecht bezahlt und auch hier sind hauptsächlich Frauen tätig. Für mich muss besonders in diesem Bereich noch viel verändert werden und dazu möchte ich beitragen. Die Jusos setzen sich stark für junge Frauen ein und bekennen sich als feministischen Richtungsverband, dessen Werte ich ebenso vertrete.

Was mich jedoch endgültig zu dem Entschluss gebracht hat, den Jusos beizutreten, war die Tatsache, dass sich die SPD für die Ehe für alle eingesetzt und im Bundestag für eine Abstimmung plädiert hat. Zudem waren alle der Abstimmenden der SPD für die Einführung und trugen somit zu einem wichtigen Schritt in Richtung Chancengleichheit und vor allem Demokratie bei.

Ich finde es grundsätzlich wichtig sich für mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft einzusetzen. Wir sollten daher unsere Stimme als junge Menschen nutzen, da wir Einfluss auf die Gesellschaft nehmen können, in der wir aufwachsen, altern und in Zukunft leben wollen.

Nach zwei Monaten, dutzenden Sonderierungsgesprächsversuchen, gefühlten 500 Talkshows und 2000 Zeitungsartikeln zu Lindner, Kohleausstieg, Merkel und „staatspolitischer Verantwortung“ hat sich also – entgegen aller Erwartungen – immer noch keine neue Regierung gebildet. Die Bild-„Zeitung“ schimpft, die abgebrochenen Sonderierungsgespräche wurden schon zur Staatskrise hochgeschrieben und man könnte meinen, das Ende der Demokratie in Deutschland sei nun wieder einmal kurz bevorstehend. Das Damoklesschwert namens „Neuwahlen“ hängt über dem Bundestag und die Welt blickt gebannt und besorgt nach Berlin.

Und wer soll’s nun richten? Natürlich die SPD, in dem sie sich wieder einmal in eine Große Koalition mit der Union begibt. Die Stimmen mehren sich, die die SPD in erneuter Regierungsverantwortung sehen wollen – und damit auch Angela Merkel und die CDU im Parlament stützen wollen.

Aber kann das wirklich die Lösung sein? Kann die Antwort auf die Frage, wer denn nun die neue Regierung bilden soll, wieder dieselbe wie vor vier Jahren sein?

Sieht man sich die Lage des Gros der Menschen in Deutschland an, könnte man die GroKo 2013-2017 für einen vollen Erfolg halten. Die Wirtschaft läuft, die Anzahl der Erwerbstätigen erreicht ständig neue Rekordhochs, auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten steigt Jahr um Jahr. Der Haushalt weist Rekordsteuereinnahmen und satte Überschüsse aus, Neuverschuldung ist mittlerweile nicht nur auf Bundesebene zum Fremdwort geworden, die Staatsfinanzen stehen also so gut da wie lange nicht mehr. An der Aussage „Deutschland geht es gut“ ist mehr wahres als falsches dran – entsprechend erklärt sich auch das große Verlangen, eine erneute GroKo für die beste Option zu halten. Klar, ein bisschen planlos wirkte diese Regierung zuweilen schon, hier und da gab es Zwist, sogar der Bruch der Koalition geisterte durch die Medien. Große Ideen für die Zukunft hingegen? Fehlanzeige. Stattdessen gab es eine Politik des Verwaltens, garniert mit kleinen, aber feinen, sozialdemokratischen Projekten wie dem Mindestlohn und der Rente mit 63. Das Argument, nur in der Regierung könne man überhaupt Veränderungen bewirken, führt die Union ad absurdum.

Obwohl die SPD-Forderungen im Koalitionsvertrag richtig waren, gingen sie doch nicht weit genug. Und wenn die Christdemokraten eine der Vereinbarungen wirklich nicht mittragen mochten? Nun, dann zerschossen sie sie einfach, wie das nicht durchgesetzte Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit unterstreicht. Die CDU/CSU ist der sprichwörtliche Mercedes-Fahrer mit Stoffdackel in der Hutablage, der gemütlich mit 75 km/h auf der unübersichtlichen Landstraße fährt – während man selbst es so unfassbar eilig hätte. Man kommt nicht vorbei, ärgert sich und resigniert irgendwann.

Die SPD muss allerdings, wenn sie bei zukünftigen Wahlen wieder um den Titel als stärkste Kraft mitspielen will, mehr bieten als nur die Steigbügelhalterin der Kanzlerin zu sein. Es braucht Antworten auf viele wichtige Fragen, auf den Wohnraummangel in vielen deutschen Städten und die stark gestiegenen Mieten. Auf die Sorge vieler Menschen um ihren Arbeitsplatz, den sie durch die Digitalisierung bedroht sehen. Auf den Wunsch vieler Eltern, einen kostenlosen Kita-Platz vor Ort zur Verfügung zu haben und ihre Kinder in gut ausgestattete Schulen schicken zu können.

Die Union verschließt sich diesen Fragen, wie die Sondierungsgespräche hinreichend gezeigt haben. Sie hat mehr Interesse am Wohl einzelner Unternehmen und Großspender, als am Wohl der Menschen in Deutschland und in Europa. Fragen des Umweltschutzes können nicht einfach mit dem Verweis auf Arbeitsplätze vom Tisch gefegt werden. Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen mit dem Ausbau des Glasfasernetzes als erledigt ansehen zu wollen, ignoriert die Arbeitsplatzsorgen vieler Menschen im Land. Und wer – auch wenn es sich hierbei natürlich um Landespolitik handelt – sich ansieht, wie Schwarz-Gelb in NRW das Sozialticket für den ÖPNV streicht, erkennt, dass die Union nicht für eine soziale und gerechte Politik steht.

Der Blick der SPD muss sich wieder nach links richten, in Richtung Grüne und Linke – und gemeinsam gilt es, Konzepte für die Zukunft zu schmieden, welche Antworten finden auf die drängenden Fragen der Menschen. Es braucht die Perspektive auf eine Rot-Rot-Grüne Regierung, heute wohl mehr als je zuvor. Denn der Wunsch nach einer Politik, die sich für Gerechtigkeit und Solidarität, für Umweltschutz und Menschlichkeit einsetzt, kann nicht einfach ignoriert werden. Die SPD muss jetzt standhaft bleiben, sich nicht einreden lassen, sie müsse (anders als CDU/CSU) Verantwortung übernehmen. Eine erneute Große Koalition wird der SPD erneut nachhaltig schaden – alleine schon weil sie Rot-Rot-Grün in sehr weite Ferne rücken lässt.

Seit dem desaströsen Ergebnis der SPD bei der Bundestagswahl im September werden die Rufe nach einer neuen, weiblicheren, jüngeren Partei immer lauter. Während die Parteispitze deshalb durch ganz Deutschland tingelt, um sich die Meinungen von Basis- oder Nichtmitgliedern anzuhören, um dann trotzdem fragwürdige Personalentscheidungen zu fällen, machen die Bundesjusos Nägel mit Köpfen. In einem Positionspapier fordern sie unter anderem einen festen und vor allem stimmberechtigten Juso-Platz in den geschäftsführenden Gremien und Präsidien. Es ist klar, dass es für diese Forderungen auch personelle Vorschläge geben muss, und genau diesen bringen wir auch: Mit der scheidenden Bundesvorsitzenden Johanna Uekermann haben wir eine hochtalentierte junge Frau am Start, die die Interessen unserer Generation nicht nur vertreten, sondern auch innerparteilich durchsetzen kann, und den politischen Betrieb dank ihrer langjährigen Erfahrung gut kennt – und zufälligerweise aus dem wunderbaren Niederbayern kommt. Ihre klare linke Linie mag vielen Genoss*innen manches Mal ein Dorn im Auge sein, aber weder können ihr Kompetenz, noch Erfahrung abgesprochen werden.

Wer ein gutes Nervenkostüm hat, dem*r sei der Post der Jusos auf ihrer Facebookseite ans Herz gelegt. Die Kommentare darunter zeigen wieder einmal den in dieser Partei noch immer verankerten Sexismus. Während es kommentarlos oder sogar hocherfreut hingenommen wird, wenn ein Posten nach dem anderen mit einem weißen männlichen niedersächsischem Seeheimer nach dem anderen besetzt wird, ist eine einzige junge Frau im Parteivorstand scheinbar schon zu viel des Guten. Wann werden die Positionen endlich nach Kompetenz besetzt? wird dort gefragt, und was zur Hölle soll diese junge Dame dazu befähigen, im Parteivorstand stimmberechtigt mitentscheiden zu dürfen? Wo soll das denn hinführen, wenn da plötzlich junge Frauen die männlichen Strukturen aufbrechen und vielleicht sogar dafür sorgen, dass diese Partei wieder Wahlen gewinnen kann? Und was fällt diesen Jusos eigentlich ein, etwas einzufordern, nachdem sie acht Wochen lang bei Wind und Wetter Plakate geklebt, Infostände betreut, und nächtelangen Kneipenwahlkampf gemacht haben?

An einem Punkt haben diese „Kritiker*innen“ vermutlich recht: Die Ämter dieser Partei sollten nach Fähigkeiten und Inhalten besetzt werden. Die Frauenquote ist schließlich eine der wenigen Regelungen, die darauf abzielt, sich selbst abzuschaffen. An diesem Punkt sind wir aber noch lange nicht – offensichtlich. Solange ausschließlich Frauen auf herablassende Weise als Dame bezeichnet werden (und nein, ihr meint das nicht respektvoll, egal wie sehr ihr euch herausreden wollt) und nur bei ihnen davon ausgegangen wird, dass sie inkompetent seien, während jede männliche Besetzung vollkommen in Ordnung ist, sind wir von der Abschaffung der Quote Lichtjahre entfernt. Nur mal so zur Info: Dass Lars Klingbeil seinen politischen Schwerpunkt auf die Zukunftsthemen Netzpolitik und Digitalisierung gelegt hat, ist für die meisten völlig ausreichend, um über die ständige Reproduktion der alten Strukturen (und deren Außenwirkung) hinwegzusehen und die eigenen Forderungen und Vorhaben über Bord zu werfen. Andererseits lassen vier Jahre Juso-Bundesvorsitz, etliche Jahre im Bezirks- und Landesvorstand, hervorragende inhaltliche Arbeit für Schüler*innen, Auszubildende und Studierende und dabei insbesondere für Frauen, die Vernetzung von Funktionär*innen auf Kreis- und Unterbezirksebene oder die erste professionalisierte Jugendwahlkampagne scheinbar nicht auf Kompetenz schließen. Eure scheinheiligen sexistischen kackbeschissenen Double Standards kotzen mich an.

Ein weiterer Kritikpunkt ist außerdem kurz zu nennen: Woran bemisst sich denn diese angeblich bei Frauen grundsätzlich nicht vorhandene Kompetenz? Nach dem männlichen Bauchgefühl? Aufnahmeprüfungen?

Ein ganz besonders „traumschönes“ Argument durfte ich mir übrigens von einem Genossen anhören, dessen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Strömung in dieser Partei ich mit keinem Wort als angedeutet verstanden haben möchte. Laut diesem (alten weißen) Mann ist die Frauen- bzw. Geschlechterquote unfair, schließlich seien nur um die 30 Prozent der Parteimitglieder weiblich, ergo dürfen Frauen auch nur auf maximal 30 Prozent der Ämter Anspruch erheben.

 

 

 

 

 

Oh, Entschuldigung. Leider konnte ich nicht weiterschreiben, da mein Facepalm beide Hände in Anspruch genommen hat. Diese „Logik“ dürfte unter den Top 3 der dümmsten Dinge sein, die ich dieses Jahr gehört hab – und das, obwohl Donald Trump der Präsident der USA ist und ziemlich oft ziemlich dumme Sachen sagt. Es ist kein Geheimnis, dass die Gruppe der Frauen, die statistisch gesehen meist sozialere Ansichten haben als Männer, die vielversprechendste Wähler*innengruppe für die SPD ist. Trotzdem erreichen wir sie nicht. Im Wahllokal selbst entscheiden sich am Ende viele für die Union, statt für die SPD – schlicht und ergreifend, weil bei der Union eine Frau an der Spitze steht und der Gesamteindruck dadurch weiblicher ist (bei der U-NI-ON!). Auch ich habe Freundinnen, die mit der SPD nichts anfangen können, und trotzdem sagen, dass sie bei der nächsten Wahl in erster Linie nach Geschlecht wählen werden, um einen weiteren testosteronüberladenen Herren an einem Tisch neben Männern wie Trump oder Putin zu verhindern – egal, ob die Kandidatin für die SPD oder die Union antritt.

(Newsflash: Das ist kein Sexismus. Sexismus beinhaltet Machtgefälle, die von Frau zu Mann schlicht nicht existieren. Es ist also höchstens eine Beleidigung. Genau genommen nicht einmal das, wenn man das Thema dieses Beitrags bedenkt.)

Durch das ständige Auftreten als Altherrenpartei arbeiten wir also aktiv gegen einen Wahlsieg. Das muss man als angebliche Volkspartei erst einmal schaffen. Natürlich könnte man sich bei der Besetzung von Ämtern auch an der Zusammensetzung der Gesellschaft orientieren, statt an den sich selbst fütternden Mitgliederstatistiken. Vermutlich würde aber bei über 50% weiblich besetzter Ämter manch ein Mann aufgrund des drohenden Verlusts seiner Privilegien zusammenbrechen. Gleiches gilt scheinbar auch, wenn es darum geht, Forderungen nach einer weiblicheren und jüngeren Partei durchzusetzen. Leider hält sich mein Mitleid dafür in Grenzen, was mir hoffentlich verziehen sei.

Abschließend ein paar versöhnliche Worte. Glückwunsch an Frank-Walter, Thomas, Hubertus, Martin und vorab auch an Lars für eure tollen Ämter! Ach ja und an Andrea, natürlich. Wobei – ist die überhaupt kompetent genug für den Fraktionsvorsitz?

 

 

Mehr Infos zum Positionspapier der Jusos findet ihr unter https://www.jusos.de/spderneuern/

Die Bundestagswahl vor genau vier Wochen hat uns junge, politische Menschen ziemlich aus den Socken gehauen: Eine Nazi-Partei mit blauem (ein brauner Anstrich wäre wohl eher richtig) hat es den sogenannten „etablierten“ Parteien gezeigt und bei den historischbedeutenden Wahlen am 24.09.17 aus dem Stand knapp 13% der Stimmen geholt und wurde somit zur drittstärksten Kraft im Bundestag. Das ist nicht nur eine Schande für Deutschland, das ist – zugegebenermaßen – auch eine Schande für die bis jetzt regierenden Parteien CDU/CSU und leider auch der SPD. Diese drei Parteien haben bei den Wahlen massiv an Stimmen eingebüßt und wir müssen uns – gerade besonders wegen dem Hintergrund, dass jetzt erstmals nach 1945 wieder Nazis in unserem Parlament sitzen – nun wirklich intensiv mit dieser Situation auseinandersetzen und gerade in unserer Partei einiges hinterfragen.

Beim Wahlkampf in Straubing und Umgebung wurde ich sehr oft mit besonders einem doch sehr eindrucksvollen und argumentativ zerschlagenden Mantra konfrontiert: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ Immer und immer wieder wurde mir vorgehalten, dass wir als SPD unglaubwürdig wären, da wir im Wahlkampf immer von Sozialer Gerechtigkeit geredet haben, aber danach eben genau das mit unserer Politik nicht sonderlich verfolgt hätten. Ja, wir haben wirklich einige gute Dinge in den letzten Jahren in der Regierung durchgesetzt (besonders bezogen auf den Mindestlohn, das ElterngeldPlus, die Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren), aber warum werden wir doch immer als unglaubwürdig abgestempelt?

Das oben genannte Mantra stellt im Wesentlichen eins unserer größten Kernprobleme dar:  Die Sozialdemokratie war seit ihrer Gründung immer die klassische Arbeiter*innenpartei, die sich besonders immer den Armen, Schwachen und den einfachen Arbeiter*innen angenommen hat. Ganz nach den Grundwerten von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Doch mit Beginn der SPD-Kanzlerschaft unter Gerd Schröder wurde der ideologische Abstieg der SPD eingeläutet: Die Agenda 2010, die im Jahr 2003 begonnen wurde, hatte ursprünglich – etwas vereinfach dargestellt – zum Ziel, die damals bei etwa 10 % liegende Arbeitslosenquote zu senken und die Wirtschaft anzukurbeln. Gerade Langzeitarbeitslose und gering Qualifizierte sollten wieder eine Beschäftigung bekommen. So weit so gut: Die Regierung verbesserte in erster Linie allerdings erst die Möglichkeiten für Unternehmen, Arbeiter*innen für einen geringeren Lohn anzustellen, wie vorher, indem sie dieLeiharbeit deregulierte und dafürsorgte, dass Leiharbeiter*innen zeitlich unbegrenzt angestellt werden konnten und gleichzeitig viel weniger Entlohnung für deren Arbeit bekommen, als dies Festangestellte bekamen. Dies ist nur ein ganz kleines Beispiel für den neoliberalen Geist in dieser Reform. Einführung des 3-Säulen-Modells der Rente und dem damit einhergehenden Absenken des gesetzlichen Rentenniveaus, Hartz IV und vieles, vieles mehr waren alles Inhalte der Schröder- und damit auch SPD-Politik um die Jahrhundertwende.

Für uns als SPD sind diese Reformen auch eine Abkehr von unserem eigentlichen sozialistischen Selbstverständnis: Die „Agenda 2010“ brüskierte die Gewerkschaften und viele überzeugten Sozialdemokrat*innen und zeriss dann auch unsere Partei, was zur Entstehung der Linken führte. Der Kurswechsel der Sozialdemokratie ging sogar so weit, dass selbst ein FDP-Politiker Schröder applaudierte, als er die Leitlinie der „Agenda 2010“ zusammenfasst: „Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern.“

Dies ist der sogenannte „Verrat“ an unserem Hauptklientel. Betrachtet man besonders die Wahlergebnisse der SPD nach diesen Reformen, dann fällt eines klar auf: Wir haben stetig verloren und stehen nun (wohl gemerkt: 2002 bekam die SPD 38,5%, 2005 nach der Einführung der Agenda 2010 undden vorgezogenen Neuwahlen erreichten wir nur noch 34,2%. 2009 waren es 23%, 2013 25,7 %) bei 20,5% und wir stellen uns jetzt erst einmal die Frage, ob wir denn eigentlich mit so einem Ergebnis noch als Volkspartei zählen würden. Wir haben jahrelang die Agenda-Politik verteidigt und waren Teil des kapitalistischen Systems. Wir haben nicht einmal nach der Spaltung unserer Partei oder dem historisch zweitschlechtestem Ergebnis 2009 darüber nachgedacht, was wir falsch gemacht haben. Gerade wir als Parteilinke haben durchwegs zugesehen, wie der konservative SPD-Flügel um die weißen Herren aus Hamburg, Niedersachsen und auch Nordrhein-Westfalen immer so weiter ihre Politik betrieben haben und immer die lauteste und stärkste Stimme in unserer Partei waren. Wir haben immer wieder zugunsten des Friedens und der Geschlossenheit unsere Ideale quasi wieder in der Abstellkammer versteckt, um sie vier Jahre später kurz zum Abstauben wieder rauszuholen. Aber wie immer haben wir sie wieder versteckt, nicht dass wir noch medial aufgrund einer mangelnden Geschlossenheit zerpflückt werden. Naja, was die Folge dabei war, ist mehr oder weniger ersichtlich: Die neoliberale Politik der SPD, die seit Schröder gefahren wird, hat eindeutig gezeigt, dass sie nicht von Erfolg gekrönt ist. Und gerade deshalb müssen wir jetzt als Parteilinke radikal in diese Partei einwirken und nicht nur dafür sorgen, dass wir wieder eine oppositionelle Kraft zum kapitalistischen System werden, sondern dass endlich auch personell ein vollkommener Wechsel vollzogen wird.

Martin Schulz hat einen wirklich hervorragenden Wahlkampf gemacht, hat als erster Parteivorsitzender wieder die Agenda 2010 an manchen Stellen kritisiert und hat das Thema der Sozialen Gerechtigkeit gut im Wahlkampf eingebracht. Er ist alles andere als Schuld an diesem Desaster. Der Wahlkampf war wirklich gut. Kurz nach der Wahl sprach Martin sogar davon, dass unsere Partei deutlich jünger und auch weiblicher werden müsste und dass wir endlich wieder Kapitalismuskritik üben müssten. In diesem Moment war ich – hoffentlich nicht als Einziger – erstmal vollkommen geflasht. „Kapitalismuskritik“, „Verjüngung der Partei“ und „Frauen*förderung“ aus dem Mund eines SPD-Parteivorsitzenden sind Worte, die wir seit Ewigkeiten nicht mehr gehört haben!

Aber wie immer dürfen wir uns nicht zu früh freuen: Wie wir in den letzten beiden Wochen leider wieder sehen konnten, waren diese Worte wohl eher nur Phrasen, statt wirklicher Erneuerungs- und Umgestaltungswille. Seiner Ansicht nach sollten wieder mal vier Männer auf vier der fünf großen Spitzenposten Platz nehmen: Er selbst als Vorsitzender, Thomas Oppermann als Bundestagsvizepräsident, Carsten Schneider als Fraktionsgeschäftsführer und Lars Klingbeil als Generalsekretär. Wie durch ein Wunder sind alle diese Männer Teil des konservativen Seeheimer-Kreises in der SPD, während Andrea Nahles als einzige Frau und links geltende SPD-Politikerin dann hier alleine auf weiter Flur steht. Was ist jetzt mit der Frauen*förderung, der Verjüngung und der Kapitalismuskritik? Wahrscheinlich nur ein kleines Späßchen, um der Parteilinken eine Beruhigungspille zu geben und sie wieder zur Geschlossenheit aufzurufen. Verwunderlich nur, dass immer nur von Geschlossenheit gesprochen wird, wenn die Linken Ansprüche erheben, wenn sich die Seeheimer (sic!) jedoch nicht gut genug behandelt fühlen, dann ist jegliche Geschlossenheit scheißegal.

Wir sehen, dass die SPD-„Politik für die Mitte“ in den letzten Jahren alles andere als erfolgreich war, wir vor vier Wochen das schlechteste Wahlergebnis aller Zeiten hinnehmen mussten, weil sich viele Menschen aus Frust und Verzweiflung von uns abgewendet haben und deshalb aus Protest eine gefährliche, rechtsradikale Partei gewählt haben. Das muss ein Zeichen für uns sein!

Deshalb ganz klar: Keine verdammten Mauscheleien mehr! Wir brauchen einen kompletten Neubeginn mit vielen jungen Leuten und vielen Frauen*! Wir müssen vielfältiger werden und die Lebensrealitäten der Menschen auch in unserer Partei darstellen! Und wir müssen unser Profil schärfen, wieder Visionen wagen und uns von dem neoliberalen Geist verabschieden!

Wacht auf, Verdammte dieser Erde! Auch du SPD!

Wir werden kämpfen, da könnt ihr euch sicher sein!

Venceremos!

Die Würfel sind gefallen, die Wahl ist vorbei. Zu Anfang die wahrscheinlich einzige positive Nachricht: 87% wählten nicht extrem rechts, wollen kein „Europa der Vaterländer “ oder eine „Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Sie schrien  durch ihre Wahlzettel nicht „Volksverräter“ oder „Lügenpresse“ und auch Merkel muss nicht weg (obwohl das auch aus einer linken, progressiven Perspektive durchaus wünschenswert wäre) . Dennoch ist es beängstigend, dass mit der AfD nun erneut eine Partei im Parlament vertreten ist, die mit einer nicht zu unterschätzenden Zahl von Antisemiten, Burschenschaftlern und anderen Rechtsextremen in ihrer Fraktion auftritt. Forderte ihr Spitzenkandidat Gauland noch direkt vor der Wahl, endlich wieder stolz auf die Verbrechen der Wehrmacht sein zu dürfen, ging es am Wahlabend die in diesem Ton weiter: Faschisten rufen in Deutschland wieder offen dazu auf, Menschen zu jagen, all das abgesegnet mit von nicht geringen Teil der Wähler*innen. Das Wahlergebnis schafft es darüber hinaus, mit einem weiteren Fakt zu schockieren: Betrachten wir  SPD, Grünen (ohne BaWü zwinker, zwinker) und  Linke als die Vertreterinnen des parlamentarischen linken Lagers, fielen knapp 57% der Stimmen auf (mitte-) rechts-Parteien. Das bedeutet eine klare Mehrheit für Parteien, welche keinerlei Interesse an einer ökologische oder sozialen Wende, geschweige denn an einer tiefgreifenden Reformen des Kapitalismus haben. Viel eher zeigen die Zeichen in Richtung Reaktion. Für diese Deutung spricht auch, dass eine zukünftige Regierungsbildung nun von einer nach rechts weit offenen Regionalpartei, nämlich der CSU, abhängt. Wie schwierig diese wird, zeigt schon Horst Seehofers erste Reaktion nach dem historisch schlechtesten Wahl Ergebnis in Bayern. Vor der versammelten Presse sprach er von einer „rechten Flanke“, die es zu schließen gelte. Wo sich diese offene Flanke finden lassen kann, ist mir schleierhaft. Wie reden hier von einer Partei, für die es seit der schwierigen Flüchtlingssituation von 2015 anscheinend kein Halten mehr gab: Ganz egal ob die nach Suppenkasper anmutenden Forderung nach einer Obergrenzen, den Debatten um „Leitkultur“, „wunderbare Neger“ und „fußballspielenden Senegalesen“, das Kokettieren mit strammen Rechtsauslegern wie Ungarns Regierungschef Orban oder die ständigen, unverschämten Vorwürfe in Richtung Kanzlerin, Schwesterpartei und Koalitionspartner SPD. Dieser angekündigte Rechtsruck lässt schlimmes erahnen, vor Allem aus Sicht eines bayerischen Jusos. Mit Blick auf die Landtagswahl im nächsten Jahr, werden wir uns wohl nicht nur auf eine offen rechtsextreme AfD, sondern auch eine rechtspopulistische CSU im Gewand einer Volkspartei vorbereiten können. Ich bin hier in Gedanken vor Allem bei den vielen Schutzsuchenden aus Afghanistan oder verschiedenen afrikanischen Staaten, die schon jetzt unter der menschenverachtenden bayerischen Abschiebepolitik leiden und deren Situation sich im kommenden Jahr noch weiter verschlechtern wird.

Kommen wir nun aber zu der Koalition, die sich viele mit Beteiligung der CSU kaum vorstellen können: Das so genannte Jamaika Bündnis, bestehend aus CDU/CSU, Grünen und FDP. Schon allein das Wort Jamaika sorgte bei vielen, egal ob Betreibern von Meme-Seiten oder Redakteuren des politischen Feuilleton, für die bekannten Assoziationen: Bob Marley und Reggae, Joints und Rum, Sommer und Urlaub. Wie falsch dieses Bild ist, wird schon beim ersten Blick auf die harten Fakten deutlich. Auf der Rangliste für den Index der menschlichen Entwicklung belegt Jamaika nur Platz 96 und liegt damit hinter medial präsenten Krisenstaaten wie Venezuela, Libanon oder der Ukraine. Das Land hat weiterhin mit Arbeitslosigkeit, Armut und der Entstehung städtischer Slums zu kämpfen. Daraus resultiert eine der höchsten Kriminalitätsraten der Welt – ganze Stadtteile werden von bewaffneten Banden kontrolliert. Hinzu kommt, dass Jamaika – ähnlich wie Mexiko – ein Transitland für den Kokainschmuggel zwischen Südamerika und den Vereinigten Staaten ist. Der diesjährige Länderbericht von Amnesty International zeichnet zudem ein erschreckendes Bild über die Menschenrechtslage auf Jamaika. So kommt weiterhin zu Gewalt, Schikanen und Willkür durch die Sicherheitskräfte. Es existieren kaum wirksame Gesetzte, um Frauen und Mädchen vor sexueller Gewalt zu schützen. Besonders schlimm  ist die Situation von LGBT-Menschen auf der Insel. Homosexualität steht weiterhin unter Strafe und homophobe Ressentiments sind tief in der Gesellschaft verwurzelt. Laut Amnesty gaben 60% der Bevölkerung an, sie würde auch gewaltsam gegen Menschen anderer sexueller Orientierung vorgehen, falls sich diese ihnen annäherten. Diese Gewaltbereitschaft zeigt sich auch in den vielen im Bericht aufgeführten Übergriffen.  Die Situation ist also alles andere als entspannt, auch wenn  das in Europa vorherrschende Bild von Urlaub, Reggae und Kiffen dies vermuten lassen könnte. Genau so wenig entspannt laufen im Moment die Koalitionsverhandlungen und auch die Politik dieser möglichen Regierung wird nicht für karibische Hochgefühle sorgen. Schließlich darf man nicht vergessen, dass es hier um vier Parteien geht, die sich alle vornehmlich an bürgerliche Wähler*innen richten. Arbeitslose, Geringverdiener*innen und alle andere Menschen in prekären Lebenssituationen haben von dieser Regierung nicht viel zu erwarten. Im wirtschaftlichen Bereich wird das auf uns zu kommen, was wir von schon von Schwarz-Gelb gewohnt sind: Steuersenkungen für bereits Wohlhabende, Erhöhung des Renteneintrittsalters, die von Lindner angekündigte Lockerung des Arbeitszeitgesetztes und weitere Ausnahmen beim Mindestlohn. Schon allein, dass die einzelnen Kapitel ihres Wahlprogramms mit solchen schönen Überschriften wie „Vorankommen durch eigene Leistung“ (S.38) und „Aktivierender Sozialstaat“ (S.62) versehen sind zeigt, dass sich die FDP trotz des Hypes um die Person Lindner und der vielen Digital-Themen nicht weit entfernt hat vom Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“ aus den Zeiten von Brüderle, Rösler und Co. Auf der Strecke bleiben dagegen die vielen sozialen Themen wie ein Ende der Zwei-Klassen-Medizin, die gleiche Besteuerung von Lohn- und Kapitalerträgen oder eine angemessene Erbschaftssteuer. Die Grünen werden diesen Schwarz-Gelben Wahnsinn mittragen. Zu stark sind die Oberrealos in den eigenen Reihen und zu groß die Gefechte, welche  es in Sachen Zuwanderung, Sicherheit und Klimaschutz zu schlagen gibt. Genau hier gibt es die größten Reibungen mit den drei anderen Parteien, genau wegen dieser Themen könnte die CSU (wohlgemerkt als Regionalpartei!) die Koalition zum Scheitern bringen und bundesweite Neuwahlen provozieren. Deshalb sehe ich im Bereich Wirtschaft und Soziales die größte Kompromissbereitschaft Seitens der Grünen, was mir als Sozialdemokrat und Gewerkschafter im Herzen weh tut. Aber was heißt das nun für Deutschland und Europa, dieses Jamaika? Groß ändern wird sich wohl nichts, es wird einfach weitergemerkelt. Es tritt der gleiche Stillstand ein, der schon während der GroKo zu spüren war. Einziger Unterschied ist, dass mit der SPD ein soziales Korrektiv für die Politik der Kanzlerin wegfällt. Das wird die vielzitierte Schere zwischen Arm und Reich noch stärker als bisher auseinander treiben, natürlich auf Kosten des sozialen Friedens. Interessant ist auch, was in dieser Koalition mit den daran beteiligten Parteien passieren wird. Dabei vermute ich, dass die Grünen ein ähnliches, jedoch bedeutend schweres Schicksal als die SPD ereilen wird. Als einzige Partei mit progressiven Teilen, werden von ihr vermutlich die vernünftigsten Impulse in Sachen Geflüchtete, Klima oder Außenpolitik kommen. Dies hat zur Folge, dass Merkel genau diese Ideen aufnehmen und als ihre eigenen verkaufen wird, genauso wie es bereits bei Wehrpflicht, Mindestlohn oder Ehe für Alle geschehen ist. Das hat wiederum zur Folge, dass sie sich weiterhin als Flüchtlings-, Friedens- oder Klimakanzlerin feiern lassen kann und somit dem Juniorpartner nicht nur Ideen, sondern auch Wähler*innen klauen wird. Gleichzeitig hat sie an bereits erwähnter „Rechter Flanke“ Seehofer oder einen anderen abgerichteten bayerischen Löwen, der weiterhin für Obergrenze, Leitkultur und Verbrennungsmotor auf braun-sumpfigen Feld  jagen darf. Das kann für die Grünen zur existenziellen Gefahr werden und sie in Richtung 5% Hürde drücken. Auch die „neue“ FDP steht vor existenziell wichtigen Fragen, vor Allem im Bezug auf ihre neue Ausrichtung. Will sie wirklich die neue, junge, digitale und für Bürger*innenrechte eintretende liberale Partei sein, womöglich sogar mit einem neu entstehenden, sozialliberalen Flügel? Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie leider weiterhin die Partei der alten, reichen Männer und ihrer verzogenen Söhne bleibt, die generationsübergreifend keinen Bock auf angemessene Steuern haben. Auch solch eine Partei wird nach vier Jahren einiges an Stimmen verlieren, vor Allem an die Union oder noch weiter rechts und am Ende einstellig dastehen.

Kommen wir also zu der Frage, wie sich unsere Mutterpartei in den nächsten vier Jahren aufstellen wird. Die klare Absage an die erneute GroKo war ein Signal in die richtige Richtung, welches durch Andrea Nahles als neue Fraktionsvorsitzende und damit Oppositionsführerin noch verstärkt wird. Auf diesen Schritt muss nun eine inhaltliche und personelle Neuausrichtung hin zu mehr sozialdemokratischen Grundpositionen folgen. Dabei muss die SPD klare Kante gegen die Partei rechtsaußen zeigen, dabei aber auch nicht sanft mit Regierung und Kanzlerin umgehen. Andreas flapsige und doch markige Bemerkung nach der letzten Kabinettssitzung zeigt dabei auch rhetorisch den richtigen Weg. Partnerin für eine produktive Oppositionsarbeit könnte dabei Die Linke sein und ich bin wohl nicht der einzige, der sich ohne hin eine Annäherung der beiden Parteien wünscht. Sorge bereitet mir dabei aber nicht nur der anti SPD Wahlkampf von Teilen der Linken, sondern auch die ersten Äußerungen nach der Wahl. Sowohl Wagenknecht als auch Lafontaine deuteten an, dass die Forderung nach einer humanen Geflüchtetenpolitik der Grund für das schlechte Ergebnis ihrer Partei unter Arbeiter*innen und Arbeitslosen sei. Genau dieses typische Ausspielen der Schwächsten unserer Gesellschaft ist Zunder für den sozialen Zusammenhalt und gerade auf der rechten Seite seit jeher beliebt. Hinzu kommen die durchaus antieuropäischen Töne mancher Vertreter*innen der Linkspartei und ein vereinzelt auftretendes Liebäugeln mit einem von Putin geführten Russland. Hoffentlich schafft es die Linke zusammen mit der SPD eine vernünftige linke Opposition zu stellen, statt mit nationalistischen und EU-feindlichen Tönen zusammen mit der AfD um vermeintliche Protestwähler*innen zu streiten.

Auch wenn dieses Wahlergebnis für uns alle ein starke Dämpfer war, blicke ich der Wahl 2021 optimistisch entgegen. Die AfD könnte sich bis dahin selbst zerlegen und auch Jamaika wird sich an seinen inneren Widersprüchen aufgerieben haben. Hinzu kommt, dass nach dem Abgang Merkels die Union ohne neue, charismatische Führungsfigur dastehen wird. Wenn dann noch der  alles bestimmende, lähmende Diskurs über Flucht und Migration vorüber ist, schlägt die Stunde der SPD. Statt über diffuse  Ängste und imaginierte  Kulturen zu diskutieren, ist nun Zeit für wirkliche Zukunftsthemen. Diese sind vor Allem Umwelt- und Klimaschutz, Digitalisierung und Bildung, Frieden in Europa und der Welt sowie die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Dann ist endlich Zeit für neue Visionen und den Weg in eine progressive Zukunft. Zeit für Fortschritt statt dem ewigen „Weiter so“ und Fortschritt gab es in den letzten 150 Jahren nur mit einer starken SPD. Bis dahin ist noch einiges in den anstehende  Wahlkämpfen zu tun, es bleibt also keine Zeit den Kopf hängen zu lassen.  Oder um es mit den Worten des wohl berühmtesten Jamaikaners aller Zeiten zu sagen: „The people who were trying to make this world worse are not taking the day off. Why should I?“

 

Die Erwartungen an das TV-Duell waren groß. Für mich war klar, dass Martin Schulz vor allem bei seinen Themen rund um die Soziale Gerechtigkeit vor allem bei den jungen Menschen punkten wird. Stattdessen war das einzige Thema aus diesem Komplex, das ganz kurz angesprochen wurde, die Senkung des Wahlalters ab 16. Hier wurde der Unterschied zwischen Angela Merkel und Martin Schulz ganz klar deutlich. Während Martin Schulz die Jugend mitbestimmen lassen will, will Angela Merkel ihnen die Mitbestimmung entziehen. Dieses TV-Duell war ansonsten definitiv ein Tiefpunkt des deutschen Journalismus und die Medien waren am nächsten Tag überfüllt von Stimmen, die sich lautstark über die zahlreichen Übereinstimmungen der beiden beschwerten. Darauf möchte ich jedoch nicht näher eingehen, da es hierzu bereits einige gute Kommentare gibt.

Am politischen Gillamoos-Montag am nächsten Morgen, zu dem bei der SPD Kanzlerkandidat Martin Schulz kam, war bei der CSU Karl-Theodor zu Guttenberg als Hauptredner zu Gast. Bei letzterem hat man sich gefragt, in welcher Partei er ist. Anstatt über die Inhalte der Union zu reden, betrieb er regelrecht Merkel-Bashing und wurde dafür umjubelt. Ob den Menschen dort nicht bewusst war, dass, wenn sie die CSU wählen, sie Merkel zur Kanzlerin zu machen? Eine Frage, die wohl unbeantwortet bleibt. Der Wahlkampf, der von der CSU geführt wird, ist an Absurdität nicht zu übertreffen, sodass ich keine weitere Sekunde an Zeit verschwenden will, über diesen nachzudenken.
Viel wichtiger ist, ob Martin Schulz gezeigt hat, dass er für die jungen Menschen Politik machen will und dass es eben nicht egal ist, ob man seine Stimme der SPD oder der Union geben wird. Und ja, das hat er. Genauso wie unsere Juso-Bundesvorsitzende Johanna Uekermann, die auch dabei war. Aber für was stehen Martin und die SPD nun, was für jungen Menschen wichtig ist?

Der erste und wichtigste Punkt wurde bereits am Anfang genannt: Die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre. Nichts zeigt mehr, dass man sich für die junge Generation einsetzt als das, dass man sie aktiv an der Demokratie teilhaben lassen will. Nicht nur aufgrund des demographischen Wandels ein wichtiger Schritt, sondern auch aus dem Grund, dass man einer großen Menge an jungen Menschen grundlos einfach das wichtigste Element der Demokratie, nämlich die Mitbestimmung, nicht gewährt.
Ein weiterer Punkt ist für junge Menschen, für die das Internet zu einem Hauptbestandteil des Alltags geworden ist, ziemlich wichtig: Ein zügiger und effektiver Breitbandausbau, welcher mit genügend Mitteln des Bundes gefördert wird, denn aktuell liegt Deutschland beim Breitbandausbau im OSZE-Vergleich sogar hinter Mexiko und Chile.
Außerdem will Martin Schulz für eine Gebührenfreiheit und Investitionen in Bildung sorgen. So soll Bildung – angefangen bei der Kita bis zum Studium oder der Weiterbildung zum Meister – kostenfrei werden. Durch die Abschaffung des Kooperationsverbotes, welches untersagt, dass der Bund in Bildung investieren darf, da dies Ländersache sei, soll erleichtert werden, in diese Bereiche zu investieren. Eine bessere Ausstattung von der Grundschule über die Berufsschule bis zum Gymnasium ist nämlich dringend notwendig, um auch die Ganztagesbetreuung auszubauen.
Des Weiteren muss dringend sowohl in sozialen als auch studentischen Wohnungsbau investiert und eine effektive und härtere Mietpreisbremse angewandt werden, um es Studierenden/Auszubildenden zu ermöglichen, ohne Geldsorgen in der Stadt ihrer Universität/Ausbildungsstätte zu wohnen. Zudem soll der Bafög-Satz erhöht werden und eine Mindestausbildungsvergütung eingeführt werden.

Man kann also sehen, dass Martin Schulz für die jungen Menschen in diesem Land kämpfen wird. Dies hat er auch in seiner Rede am Gillamoos in Abensberg klar dargestellt. Neben den oben genannten Forderungen, die er am Gillamoos klar formuliert hat, finden sich im Regierungsprogramm der SPD noch weitere, die vor allem junge Menschen betreffen.
Die Standpunkte und das komplette Regierungsprogramm kann man hier lesen unter https://www.spd.de/standpunkte und was es genau für dich bringt, wenn Martin Schulz Kanzler wird kann man unter https://meinprogramm.spd.de testen.
Die Pressemitteilung der Jusos Bayern zur Aufhebung des Kooperationsverbotes findet ihr hier: https://jusos-bayern.de/meldungen/weg-mit-dem-kooperationsverbot-bildung-ist-auch-bundessache/
Die Rede von Martin Schulz am politischen Gillamoos kann man hier ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=diG8rNxG6CY

Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 erlangte die politische Lage im Europa der frühen 60er Jahre eine neue Dimension. Für ganze 28 Jahre sollte diese Mauer Deutschland und somit auch ganz Europa in zwei Hemisphären teilen. Für ganze 28 Jahre wurden Freund*innen und Familien voneinander getrennt. Für ganze 28 Jahre sperrte dieser Eiserner Vorhang und das Regime, das ihn errichtet hatte, Menschen in einem Staat, der ansonsten auszubluten drohte, ein.

Erst gestern jährte sich dieses traurige Ereignis zum 56. Mal. Und die Junge Union, die in ihrem bisherigen Wahlkampf auch nicht mit herausragenden Leistungen geglänzt hat (ich erinnere nur an die nette kleine Bootstour auf der Spree am SPD-Bundesparteitag in Berlin), setzt dem Ganzen mit ihrer „Gedenk-Aktion“ noch die Krone auf. Mir selbst, einer angehenden Geschichtslehrerin, wurde bei diesem Ausmaß an Geschichtsvergessenheit und offensichtlicher Unwissenheit übel. Daher liefert dieser Artikel nebenher eine kostenfreie Wiederholungsstunde deutscher Geschichte, die das ein oder andere Mitglied der Jungen Union wohl bitter nötig zu haben scheint.

Die Konferenz Jalta, zu der sich im Februar 1945 die „Großen Drei“ versammelten, legte den Grundstein für die Trennung Deutschlands. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden gemäß dieser Konferenz vier Besatzungszonen errichtet, die die Zukunft Deutschlands in den kommenden Jahren bestimmen sollten. Berlin, das in der sowjetischen Besatzungszone lag, wurde gesondert behandelt und auch in vier Zonen eingeteilt. Nachdem sich im Jahr 1949 aus diesen Zonen herausgehend zwei deutsche Republiken, die DDR und die BRD gegründet hatten, folgte 1952 die Errichtung der sogenannten innerdeutschen Grenzen. Die Grenze zwischen Ost- und Westberlin konnte zu diesem Zeitpunkt noch problemlos passiert werden. Nachdem 1961 circa 2,7 Millionen Menschen seit der Gründung der DDR diese verlassen hatten und weitere Ströme an flüchtenden Menschen aufgrund von Versorgungsengpässen zu erwarten waren, wurde am Morgen des 13. August mit dem Bau der Mauer in Berlin begonnen. Nach aktuellen Ergebnissen des Projekts der Gedenkstätte Berliner Mauer und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam wurden bis 1989 mindestens 140 Menschen direkt an der Grenze getötet.

Willy-Brandt-Haus, Berlin

Die Junge Union hat sich nun gestern dazu entschieden, dass der Platz vor dem Willy-Brandt-Haus, der Bundeszentrale der SPD, der richtige Ort ist, um die Opfer des DDR-Regimes zu würdigen. Mit einem Schild, das im Hintergrund den Bau der Berliner Mauer zeigt und mit dem Zitat von Martin Schulz „Links und Gewaltanwendung schließt sich gegenseitig aus“ versehen ist, positionierten sich die Jungpolitiker*innen zu ihrem sogenannten „Gedenken“. Den Kanzlerkandidaten und die SPD mit den Rädelsführer*innen der SED in einen Topf zu werfen ist schon pure Geschmacklosigkeit. Noch viel schlimmer und verwerflicher ist jedoch die Tatsache, dass so das Andenken der Sozialdemokrat*innen, die im Kampf gegen das sowjetische und das DDR-Regime ihr Leben verloren haben, mit Füßen getreten wird. (Lesetipp: Denen, die sich für dieses Thema interessieren, empfehle ich die Aufsatzsammlung „Sozialdemokraten als Opfer im Kampf gegen die rote Diktatur“, die von Dieter Rieke bei der FES herausgegeben wurde)

Vielmehr sollte sich die JU mit der Vergangenheit der CDU auseinandersetzen und zur Abwechslung vor ihrer eigenen Türe kehren. Dass die heutige CDU in der DDR existierte, ja sogar eine sogenannte Blockflöte war, ignorieren die meisten CDUler*innen bis heute ja gemeinhin. Aber was erwarten man schon von Leuten, die fortschrittliche linke Politik und ein diktatorisches Regime nicht auseinanderhalten und auch Gewaltausschreitungen die von sogenannten „Linken“ unternommen werden nicht differenziert von etablierter Politik betrachten können.

 

PS: Willy Brandt, der damals amtierender Bürgermeister von Berlin war, verurteilte den Bau der Berliner Mauer bereits drei Tage nach Errichtung derselben aufs Schärfste.

 

Quellen:

http://www.chronik-der-mauer.de/

http://www.berliner-mauer-gedenkstaette.de/

Heute vor 27 Jahren wurde in Berlin mit dem Abriss der Berliner Mauer begonnen. Aber was war das eigentlich mit der Mauer? Ich bin 1993 geboren, für mich ist das alles Geschichte. Wenn ich aber mit meinen Eltern über die Teilung Deutschlands rede, sind sie immer noch verblüfft darüber, dass zum einen die Mauer überhaupt gefallen ist und zum anderen, dass es am Ende doch so schnell ging. Niemand hätte erwartet, dass die Mauer fällt. Es war ein Zeichen, dass die Kriege endlich vorbei sind, dass wir gemeinsam Frieden schaffen können, ein Zeichen für weniger Einzelstaatlerei und mehr Gemeinschaft.

Doch womit fing das an? Richtig, mit Ronald Reagan und seinem „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ Um den Bezug zu heute zu verstehen, muss man den Satz im Zusammenhang sehen:

„General Secretary Gorbachev, if you seek peace, if you seek prosperity for the Soviet Union and Eastern Europe, if you seek liberalization, come here to this gate. Mr. Gorbachev, open this gate. Mr. Gorbachev, tear down this wall!“[1]

Ronald Reagan hat die Mauer nicht selbst eingerissen, sondern Michail Gorbatschow hat eingelenkt. Es wurde abgerüstet und der Kalte Krieg wurde beendet. Die bis dato Erzfeinde USA und UdSSR haben sich an einen Tisch gesetzt und gemeinsam nach Lösungen gesucht. Was können wir daraus für heute lernen?

https://twitter.com/MartinSchulz/status/874306678400970752

 

Wir leben in Zeiten von Trumps, Le Pens und Szydłos. In Zeiten, in denen Protektionismus und „Wir zuerst!“ von zu vielen Menschen als Alternative gesehen werden. Man spricht von der „Flüchtlingskrise“ und einem Scheitern der Europäischen Union. Ich glaube, wir sollten uns häufiger erinnern: nur gemeinsam können wir Probleme bewältigen. Europa hat es nach zwei verdammten Weltkriegen geschafft sich zusammenzureißen, an einen Tisch zu setzen und eine Gemeinschaft aufzubauen, von der wir alle profitieren. Das ist eine Errungenschaft, die wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen oder wegwerfen dürfen. Wir müssen uns gemeinsam an einen Tisch setzen und uns überlegen, wie wir ein solidarisches und offenes Europa gestalten wollen, in dem alle Menschen frei leben können.

Martin Schulz hat Recht: Einmauern und abschotten kann nicht die Lösung sein.

 

[1] https://reaganlibrary.archives.gov/archives/speeches/1987/061287d.htm