Wider das Vergessen

Vor fast 80 Jahren ermordete die türkische Armee bis zu 70.000 Angehörige der alevitischen Minderheit. Das Massaker wurde jahrzehntelang als Tabuthema behandelt und geriet deshalb beinahe in Vergessenheit.
Das Massaker war beispielhaft für viele weitere, die nach wie vor von offizieller Seite verschwiegen werden.
Gerade heute, wenn Erdogan stetig an Macht hinzugewinnt und kurdische Dörfer in Ostanatolien nach wie vor von der Regierung unterdrückt werden, ist es wichtig, der türkischen Bevölkerung einen differenzierten Blick auf ihre eigene Geschichte zu ermöglichen, damit sich derartiges in Zukunft nicht mehr wiederholen kann.

Provinz Dersim 1938.
In einem kleinen Dorf im türkischen Ostanatolien marschiert das Militär auf.
Die Menschen werden aus ihren Häusern getrieben, die Männer auf dem Dorfplatz gesammelt, die Frauen und Kinder zu einem nahegelegen Bergbach gescheucht. Dann ertönt ein Schuss, das Signal zum Beginn des Mordens.
Gleich darauf werden die Männer mit Maschinengewehren niedergemäht und die Frauen und Kinder mit Gewehren erschossen.
Anschließend wird das ganze Dorf abgefackelt.
Am nächsten Morgen finden die wenigen Menschen, die nur deshalb überlebt haben, weil sie gerade zufällig nicht im Dorf waren, mehr als 130 Leichen.
Es gibt hunderte ähnlicher Geschichten.
Mal wurden die Menschen in eine Scheune zusammengetrieben und dann lebendig verbannt, ein andermal wurden sie mit Bajonetten erdolcht, damit keine Kugeln an die Dörfler verschwendet wurden.
Rund 50.000 türkische Militärs waren an den Massakern beteiligt, bis zu 70.000 alevitische Stammesangehörige starben.

Die Provinz Dersim, die heute Tunceli heißt, war schon immer ein Rückzugsgebiet für verfolgte alevitische Stämme. Durch die tiefen Schluchten und die teilweise bis zu 3600 Meter hohen Bergketten gut geschützt, lebten hier in den 1930er Jahren etwa 150.000 Menschen alevitischen Glaubens.
Anfangs befürworteten viele alevitische Clans die 1923 ausgerufene türkische Republik, befreite es sie doch von der Herrschaft des Kalifats, das sie unter dem Vorwurf der Gotteslästerung gebranntmarkt und brutal verfolgt hatte. Sie setzten auf  Staatsgründer und Präsident Mustafa Kemal Atatürk, der allen Staatsangehörigen, ohne Ansehen der ethno-religiösen Zugehörigkeit gleiche Rechte zusicherte.

 

Doch Atatürk bestrebte es, die Türkei in einen Nationalstaat sunnitischer Prägung umzuwandeln und das stieß auf den Widerstand vieler Minderheiten, wie  der der alevitischen Stämme, die sich dem Islam schiitischer Prägung zugehörig fühlen.
Zugleich störte sich Atatürk an den alten Strukturen der Clans, die sich nicht einfach der neuen republikanischen Ordnung öffnen wollten.
Mit der Zeit steigerte sich diese Auseinandersetzung in einen offenen Konflikt mit der türkischen Zentralregierung in Ankara, zumal diese schon Anfang der 30er Jahre einen kurdischen Aufstand niedergeschlagen hatte, der aus ähnlichen Motiven aufbegehrte.
Um dem Problem zu lösen, beschloss das türkische Parlament in geheimer Abstimmung die Zwangsumsiedlung von etwa 10 000 Clanangehörigen in den Westen der Türkei. Die erhoffte Assimilisierung fand allerdings nicht statt, vielmehr begann es immer mehr zu brodeln.
Nachdem 1936 die kurdischen Aufstände niedergeschlagen waren, rückten zu Beginn des Jahres 1937 die alevitischen Stämme in den Fokus der Regierung.
Diese hatte den hartnäckigen Widerstand der kurdischen Dörfer noch klar vor Augen und setzte deshalb ganz auf eine militärische Lösung der Unruhen. Um die eigenen Verluste minimal zu halten, wurde auf modernste Technologien gesetzt und die Dörfer aus der Luft bombardiert. Aus diesem Grund war die Verlustrate unter den Regierungstruppen minimal, gerade einmal 100 bezahlten für die Strafexpedition mit ihrem Leben.
Ganz im Gegensatz dazu die alevitischen Clans.
Laut offizieller Stellungnahme der Regierung kamen 13 806 Menschen ums Leben. Die korrekte Zahl dürfte sich allerdings zwischen 60 000 und 70 000 Toten bewegen.
In Dersim selbst ist das Massaker selbst nach beinahe 80 Jahren noch immer gegenwärtig. Viele Dörfer sind nach wie vor verlassen.
Aufgrund der Ausgangssperre des Militärs liegen auf den Plateaus, auf denen die Hinrichtungen einst stattfanden die Gebeine der Ermordeten noch immer unter freiem Himmel.

Trotz des jahrelangen Verschweigens, ist dieses Massaker wieder in den Blickfeld der Öffentlichkeit gelangt. Den Anfang machte der Soziologe und Schriftsteller Ismail Besikci, der 1990 über den „Dersim-Genozid“ schrieb.
Er wurde zwar unmittelbar nach dem Erscheinen seines Buches für zehn Jahre eingesperrt, dennoch war sein Buch ein Anstoß, das Kapitel Dersim wieder aufzuschlagen und neu zu betrachten.
Inzwischen ist Dersim kein absolutes Tabuthema mehr; das Thema drang sogar bis auf die Titelseiten der großen türkischen Zeitungen vor. Ministerpräsident Erdogan sprach 2009 im Parlament von einem »Massaker« und wiederholte auf einer Kundgebung in der Provinz Sakarya: »Zehntausende wurden massakriert«
Auch wenn ihm diese Äußerungen zur Diskreditierung der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP dienten, die im Einparteienstaat von Atatürk die Verantwortung für das Massaker trug, so ist doch eine Tür aufgestoßen worden und das lässt hoffen.

Das große, über allem schwebende Problem jedoch ist nicht die mangelnde Aufklärung eines einzelnen vergangenen Verbrechens, es ist die Einstellung des türkischen Staates zu seiner Vergangenheit. Es gab zu viele Verbrechen an Minderheiten, die aus Stolz und Machtstreben nicht aufgeklärt wurden.
Solange die türkische Bevölkerung nur einseitige Berichte über die kurdischen Aufstände, den Genozid an der armenischen Minderheit und die Massaker in Dersim kennt, wird sich ein differenzierter Blick auf die aktuellen Geschehnisse kaum einstellen.
Doch genau das wäre so wichtig.
Die Bombardierung der PKK und YPG in Nordsyrien, die immer größeren Repressionen des türkischen Militärs gegen kurdische Dörfer in Ostanatolien und die offensichtliche Unterstützung des IS, um die kurdischen Autonomiegebiete in Syrien und dem Irak zu schwächen, tragen keineswegs zu einer Beruhigung der Lage im Nahen und Mittleren Osten bei.
Um die aktuellen Konflikte verstehen und dann beenden zu können, muss das türkische Volk zuerst die eigene Geschichte unzensiert und ungeschönt kennenlernen um dann die aktuellen Geschehnisse selbst kritisch zu betrachten.
Der Türkei steht eine lange und, in Zeiten von Erdogans autoritären Machtansprüchen, wohl auch gefährliche Arbeit der Aufklärung bevor.
Aber sie ist auch der Schlüssel zur Deeskalation einer ganzen Region, die Frieden so bitter nötig hat.

 

 

 

Bildquelle:

https://www.heise.de/tp/features/Das-Dersim-Massaker-an-den-alevitischen-Kurden-in-der-Tuerkei-3372147.html

Beitragsbild: »Die Mädchen aus Dersim«: Eines der wenigen Bilder, die es über den Aufstand in Dersim gibt. Für die alevitischen Clans wurde es Sinnbild für die Massaker.

https://www.heise.de/tp/features/Das-Dersim-Massaker-an-den-alevitischen-Kurden-in-der-Tuerkei-3372147.html

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